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Predigt 2. So im Jahreskreis – D. Bolz

Predigt zum 2. Sonntag im Jahreskreis 2018
Lesung: 1 Sam 3, 3b-10.19 / Evangelium: Joh 1, 35-42

Schwestern und Brüder!
Auf den ersten Blick hat das heutige Evangelium für mich nichts frohmachendes, sondern eher etwas frustrierendes an sich. Da geht Andreas zu seinem Bruder und sagt: „Wir haben den Messias gefunden!“ – und schon glaubt Simon und zwar so überzeugt, dass Jesus bereits beim Anblicken in ihm den Felsen erkennt. Wenn ich mir vorstelle, welche Mühe es heutzutage oft macht, auch nur einen einzigen Menschen zum Glauben zu führen oder ihn dafür zu begeistern, dann ruft das Lesen eines solchen Textes in mir schlicht und ergreifend Frustrationen hervor. Denn wenn Johannes das so schreibt, dann klingt das für mich, wie wenn er mir sagen wollte: Schau her, so einfach geht das!
Dabei ist es ja nicht einmal Jesus selbst, der in dieser Szene jemanden in seine Nachfolge ruft. Das würde mein beschränktes Hirn ja noch verstehen. Schließlich wird uns in den Evangelien sehr häufig der Eindruck vermittelt, dass Jesus eine ungeheure Ausstrahlung gehabt hat; er konnte die Menschen faszinieren und begeistern; er brauchte eigentlich – wie es auch im heutigen Evangelium heißt – jemanden nur anzuschauen und sofort ließ dasjenige alles stehen und liegen und folgte ihm. Aber dieser Andreas? Das ist doch ein ganz normaler Mensch; einer wie wir alle hier. Gerade mal einen Tag hat er mit Jesus verbracht, weiß kaum etwas über ihn und hat mit Sicherheit auch noch keine großartigen Reflexionen angestellt; mit Sicherheit hat er auch keinen Crashtest in Sachen Katechese und Verkündigung mitgemacht. Und trotzdem sagt er schlicht: „Wir haben den Messias gefunden!“ Und Simon geht mit und glaubt.
Da darf ich mich doch aber mit Recht fragen: Was hat der, was ich nicht habe? Warum klappt das damals bei ihm so einfach und heute nicht? Warum lässt Simon sich so schnell begeistern und warum ist dieser Andreas so überzeugend? Sie werden verstehen, dass mich solche Fragen beschäftigen; schließlich geht es hier nicht um irgendeine Nebensächlichkeit, sondern um die Frage, wie man Menschen zu Christus führt, wie man sie vom Glauben an ihn überzeugt. Und da bringt Andreas in mir etwas in Erinnerung, was ich – und mit mir vielleicht auch noch andere in dieser Kirche – geflissentlich übersehen.
All unsere Überlegungen im Blick auf Techniken und Methoden der Glaubensvermittlung, all die Konzeptionen und Anstrengungen die sich gescheite Köpfe in den Ordinariaten machen, die kann man getrost vergessen, wenn letztlich das eine fehlt, was aus diesem knappen Satz des Andreas aber so messerscharf herausspricht: Nämlich die eigene, spürbare und gelebte Überzeugung. Sie ist die Kraft, die den Simon anspricht; die ihn gar nicht anders handeln lässt, als sich zumindest mal mit dem Messias zu beschäftigen.
Und was – bitte schön – spricht aus uns? Welchen Eindruck müssen Außenstehende oft von uns Christen und auch von uns Hauptamtlichen haben? Da brauch ich gar nicht lange zu überlegen. Ich meine, es ist vor allem eine ungeheure und beinahe allumfassende Unzufriedenheit. Die Geistlichen, Pfarrer wie Diakone, sind unzufrieden und lamentieren, weil immer weniger Menschen in die Kirche kommen und sie immer mehr und größere Einheiten zu verwalten und zu versorgen haben. Die Kirchenoberen sind unzufrieden, weil immer weniger Menschen mit den kirchlichen Geboten und Moralvorstellungen etwas anfangen können. Viele Theologen sind unzufrieden, weil sich in der Kirche so wenig verändern lässt und viele Laien sind unzufrieden, weil sie nicht mit voller Stimme mitreden dürfen. Die Gemeinden sind unzufrieden, weil viele ihre Eigenständigkeit verlieren und nur noch mitverwaltet werden; die traditionell Geprägten unter uns sind unzufrieden, weil immer mehr Neuerungen eingeführt werden und die progressiv Denkenden sind unzufrieden, weil ihnen alles zu langsam geht.
Merken Sie, wie wir Christen in der Öffentlichkeit rüberkommen? Als Menschen, die unzufrieden sind und doch im gleichen Atemzug behaupten, dass es sich furchtbar lohnen würde, bei uns mitzumachen. Von der unerschütterlichen Überzeugung, geschweige denn Begeisterung eines Andreas, die auf andere ausstrahlt, überspringt und ansteckt, ist bei uns weiß Gott nicht allzu viel vorhanden.
Natürlich hab ich mit diesen Äußerungen übertrieben; aber der Ausdruck in vielen Gesichtern sagt mir, dass ich so falsch gar nicht liege. Nur: Wenn das wirklich stimmen sollte, wenn es bei uns derzeit wirklich nichts anderes mehr gibt, als Frust, Grabenkriege und Unzufriedenheit, dann sollten wir ehrlich sein und es bleiben lassen. Denn eines ist doch klar wie die sonntägliche Klöschenbrühe: Ein frustrierter Seelsorger, eine griesgrämige Ge-meindereferentin oder ein abgehetztes und unzufriedenes Gemeindemit-glied, sind weder überzeugend noch begeisternd!
Sollte aber dieser Eindruck nur vordergründig sein; sollte es dahinter wirklich noch so etwas wie eine Überzeugung geben; eine Hoffnung, die uns trägt und die uns leben lässt; die uns neue Horizonte für unser Menschsein und unser Dasein erschließt, dann müssen wir in Gottes Namen auch da-von erzählen; dann müssen wir Menschen einladen, einfach mal unsere Gäste zu sein, mitzufeiern und einfach Dasein zu dürfen, ohne dass sie gleich Gefahr laufen, als potentielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingefangen und vereinnahmt zu werden.
Reden wir lieber davon, welche Kraft uns der Glaube gibt. Dass ich z.B. in dem Bewusstsein, dass Christus bei mir ist, ganz anders an die Aufgaben in meinem Leben herangehen kann, als einer, der diese Überzeugung nicht hat. Dass ich im Vertrauen darauf, dass ich durch mein Leben geführt wer-de, eben mit einer anderen Sicherheit und Zuversicht leben kann, als jemand, der dieses Vertrauen nicht hat. Dass mir die Überzeugung, dass Christus bei mir ist auch mal hilft, die Tristess und Trübnis des Alltags in Dankbarkeit zu verwandeln, dass ich überhaupt bin und lebe und dass ich nicht zuletzt eben diesen Glauben mit zig anderen Menschen gemeinsam habe, der mich mit ihnen verbindet, uns zusammenschweißt zu einer Gemeinschaft, die Trost und Halt geben kann, wenn ich mal den Boden unter den Füßen zu verlieren drohe.
Wenn noch etwas von dieser Hoffnung in uns ist, dann sollten wir davon auch sprechen – nicht nur mit Worten, sondern mit unserem Leben. Wie sagt Jesus? „Kommt und seht!“ Da ist nicht die Rede von Moral, von Geboten, Regeln und Vorschriften – sondern da ist nur eine Einladung. Es darf die Probe gemacht werden, ob und wie Nachfolge geht. Jesus lädt ein, nimmt auf, gibt Raum, lässt leben und erleben. Aber immer bleibt noch die freie Entscheidung, nach dem Ausprobieren auch „Nein, danke“ zu sagen. Nur – genau so hat er Andreas gewonnen und der wiederum seinen Bruder Simon Petrus. Und das beweist mir, dass Begeisterte eben auch andere begeistern können und Überzeugte wirklich auch überzeugen. Amen.

Bertram Bolz, Diakon