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Hl. Familie – Predigt D. Bolz

Predigt am Fest der Hl. Familie 2017
L I: Gen 15, 1-6; 21, 1-3 / Ev.: Lk 2, 22.39f (Kf)

Schwestern und Brüder!
Kaum ein anderes Thema hat in den letzten Wochen in unserem heimischen Blätterwald so viel Aufmerksamkeit erregt, als die Rückkehr des Wolfes oder sein wieder heimisch werden in unserer Gegend. Das Für und Wider wurde journalistisch bis ins Detail kundgetan, dazu kamen unterschiedlichste Meinungsäußerungen vieler Bürgerinnen und Bürger in unzähligen Leserbriefen. Dies alles hat mich dazu veranlasst, Ihnen eine der schönsten Geschichten, die es in meinen Augen zur Weihnachtszeit gibt, heute zum Besten zu geben. Sie stammt von dem bekannten holländischen Dichter und Theologen Huub Oosterhuis, dem wir auch so manchen – sehr nachdenklich stimmenden – Kirchenliedtext verdanken. Da heißt es:
„Es war einmal ein Wolf, der in der Gegend von Bethlehem lebte. Die Hirten wussten um seine Gefährlichkeit und deshalb waren sie auch allabendlich damit beschäftigt, ihre Schafe vor ihm in Sicherheit zu bringen. Stets hatte einer von ihnen Wache zu halten, denn der Wolf – das war seit Generationen bekannt – war stets hungrig, listig und böse.
Nun geschah folgendes in der Heiligen Nacht. Gerade eben war der wun-dersame Gesang der Engel verstummt, der verkündet hat: Ein Kind soll geboren worden sein, ein Junge. Der Wolf wunderte sich doch sehr, dass die rauen Hirten allesamt hingingen, um dieses kleine Kind anzusehen – und keiner blieb bei den Schafen. „Wegen eines neugeborenen Kindes solch ein Getue zu veranstalten“, dacht der Wolf bei sich. Aber auch er war neugierig geworden. Und weil er dazu überaus hungrig war, schlich er ihnen nach. Beim Stall angekommen, versteckte er sich und wartete.
Als sich die Hirten nach der Huldigung an Jesus wieder von Maria und Josef verabschiedeten, da hielt der Wolf seine Zeit für gekommen. Er wartete noch kurz, bis die jungen Eltern eingeschlafen waren, die die Sorge und auch die Freude über die Geburt ihres Kindes doch sehr müde gemacht hatten. „Umso besser“, dachte der Wolf, „ich werde mit dem Kind beginnen.“ Und dann schlich er auf leisen Pfoten in den Stall. Niemand bemerkte sein Kommen – allein das Kind.
Es blickte voll Liebe auf den Wolf, der sich, Tatze vor Tatze setzend, lautlos an die Krippe heranschob. Er hatte den Rachen schon weit geöffnet und die Zunge hing ihm weit heraus. Furchterregend war er anzusehen. So stand er also dicht neben der Krippe und dachte leise bei sich: „Ein leichtes Fressen“ – dabei schleckte er sich begierig die Lefzen. Er setzte zum Sprung an, als ihn behutsam und liebevoll die Hand des Jesuskindes berührte. Das erste Mal in seinem Leben streichelte jemand sein hässliches, struppiges Fell und mit einer Stimme, wie sie der Wolf noch nie zuvor vernommen hatte, sagte das Kind in der Krippe zu ihm: „Wolf, ich mag dich!“
Da geschah etwas Unvorstellbares – im dunklen Stall von Bethlehem schälte sich die Tierhaut des Wolfes von seinem Körper ab und heraus stieg ein Mensch; ein wirklicher Mensch. Dieser sank in die Knie, küsste die Hände des Kindes und betete es an. Dann verließ er den Stall so lautlos, wie er zuvor als Wolf gekommen war, und ging hinaus in die Welt um allen zu verkünden: „Dieses göttliche Kind kann dich erlösend berühren!“
Soweit das Märchen. Mich hat es an den Spruch des römischen Komödiendichters Plautus erinnert, der bereits im 3. Jahrhundert vor Christus geschrieben hat: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf!“ Knapp 2000 Jahre später hat der englische Philosoph Thomas Hobbes ihn erst so richtig bekannt gemacht, als er ihn in den Wirren und Grausamkeiten des 30-jährigen Krieges von Neuem gebraucht hat: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf!“ Hobbes hat erfahren und dann auch durch seine Niederschriften deutlich gemacht, dass Menschen ihre Mitmenschen immer zuerst einmal als Feinde betrachten. Sie begegnen anderen misstrauisch, möchten stärker und mächtiger sein und vor allem: Sie wollen andere beherrschen. Und Weihnachten ist nun – so sagt es uns Oosterhuis mit diesem Märchen – Weihnachten ist nun ein Frontalangriff auf dieses negative Menschenbild: Denn wer sich von Jesus streicheln lässt, der kann und der wird seinen Wolfspelz ablegen. Wer mit Jesus in Berührung kommt, der- oder diejenige kann wirklich und wahrhaftig Mensch werden.
Im Klartext heißt das für mich: Wenn ich mich von Jesus anrühren lasse; wenn ich mich von ihm und seiner Botschaft, auch seiner Lebensgeschichte, seinen Worten und Taten berühren lasse und diese mir zu Herzen gehen, dann wird mich das verwandeln. Dann kann diese dicke Wolfshaut, die wir – Sie und ich – uns manches Mal zulegen, einfach platzen. Wie man das wahrnimmt und entdeckt? Indem zum Beispiel hinter unseren aggressiven Äußerungen plötzlich die eigene Ängstlichkeit und Verletzlichkeit zum Vorschein kommt. Indem hinter vielen bissigen Bemerkungen auf einmal Enttäuschungen sichtbar werden oder auch Erfahrungen, wie andere einen abgelehnt haben. Das alles bewirkt dann, dass Misstrauen aufbrechen und abfallen kann und die eigene Sehnsucht nach Geborgenheit, die Wünsche nach Zuwendung und Zärtlichkeit ans Tageslicht kommen. Dann wird spür-bar, dass weder Sie noch ich stetig mit den Wölfen heulen oder wir uns ver-biegen und anpassen müssen, sondern wir lernen dürfen und lernen können, unsere ureigenen Wege zu gehen – und: Dann kann jegliche Habgier abgestreift werden, weil mir aufgeht, wie sehr Hilfsbereitschaft und Solidari-tät das Leben jedes und jeder Einzelnen bereichern.
Wenn Jesus – um es mit der poetischen Sprache des Märchens zu sagen – wenn Jesus mich streichelt und ich seine Nähe und Wertschätzung durch seine Botschaft spüre, dann kann das dicke Fell, das ich mir ab und an zu-gelegt habe, Risse bekommen und die Menschlichkeit und Geschwisterlichkeit schimmert wieder durch.
Der Wolf an der Krippe – eine Weihnachtsgeschichte mit vielen Anregungen zum Weiterdenken – auch auf 2018 hin; ein Märchen mit einer tiefen Wahrheit über unser Leben und gleichzeitig auch einem großen Auftrag. Denn es heißt: „Er verließ den Stall und ging in die Welt, um allen zu künden: Dieses göttliche Kind kann dich erlösend berühren!“
Wenn Sie sich jetzt noch allen Ernstes die Frage stellen: Fällt dem da vorne am Fest der Heiligen Familie nichts besseres ein, als über ein Wolfsmärchen zu predigen, dann möchte ich Ihnen in aller Geschwisterlichkeit sagen: Wo bitte schön gibt es für uns – als Eltern, als Kinder und Jugendliche, als Großeltern, als Alleinstehende, junge oder alte Menschen ein besseres Übungsfeld als jenes, das wir Familie nennen? Sei sie nun groß oder klein. Sicherlich: Früher hat man die Heilige Familie oft als ein Idealbild familiären Lebens hochstilisiert. Aber darum kann es doch an diesem Tag nicht gehen. Allenfalls darum, dass wir in dieser Keimzelle lernen, ab und an der oder die werden, die mit dem Wolf tanzen; dass wir die werden, die sich vom Wolfspelz ihrer unmittelbaren Mitmenschen, denen wir in Liebe verbunden sind nicht abschrecken lassen, sondern so nahe an sie herangehen, so dass wir ihre Verwundungen und Enttäuschungen – die ja häufig genug durch uns hervorgerufen und entstanden sind – ernstnehmen und wahrnehmen; und dass wir nicht nur davon erzählen, wie berührt wir uns von Jesus und seiner Botschaft fühlen, sondern dass wir dieses Berührt-Sein leben. Dann ist meine, ihre Familie der Krippenlernort dafür, was wir von Weihnachten und von der Botschaft Jesu verstanden haben. Nicht indem wir unter den Tisch kehren, was an Problemen in unseren Familien da ist, sondern indem wir versuchen, diese Probleme in gegenseitiger Liebe und Wertschätzung zu lösen – im Sinne aller Beteiligten. Das wäre doch auch eine gute Ausgangsbasis für 2018. Amen.

Bertram Bolz, Diakon