Impulse/Predigten

Predigt zum Pfingstfest 2017

Diakon Bertram Bolz

Lesung: Apg 2, 1-11 / Evangelium: Joh 20, 19-23

In Festfreude versammelte Schwestern und Brüder!

Das heutige Fest ist für mich wie der Besuch bei einer alten Dame zum Geburtstag. Zwar feiert sie dieses Jahr keinen runden Geburtstag; aber da sie schon hochbetagt ist, hat eben jeder Geburtstag seine ganz besondere Bedeutung. Die ganze Familie, die groß und weit verstreut ist, ist deshalb auch herzlichst zum Mitfeiern eingeladen – aber es werden bei weitem nicht alle kommen. Ja, manche haben sogar ganz vergessen, dass sie zu der alten Dame dazugehören; dass es sie noch gibt.

Sie ahnen schon oder wissen bereits von wem hier die Rede ist: Von unserer hochbetagten Mutter Kirche. An Pfingsten feiern wir ihren Geburtstag und wie es an solchen Tagen üblich ist, kommen Gäste beim Besuch ganz gerne ins Reden über die alten Zeiten. Da werden Geschichten aus der Vergangenheit bemüht; manchmal sogar noch von der Geburt erzählt. Und genau so will ich es heute auch halten.

Von der Geburtsstunde hat uns die Lesung berichtet. Von mächtigem Brausen war da die Rede, von verschiedenen Stimmen und Sprachen, unverständlich und doch für die Gemeinde des Anfangs von großer Bedeutung. Schauen wir zurück: Die Jünger leben nach Jesu Tod, angsterfüllt und zurückgezogen in Jerusalem. Nach den Erscheinungen des Auferstandenen keimt zwar durchaus Hoffnung in ihnen auf – aber jetzt auf einmal dieses öffentliche Auftreten, das ist nicht vorbereitet und es droht ihnen aus den Händen zu gleiten. Auf einmal haben sie den Mut aus ihren Verstecken hervorzutreten, erzählen voll Begeisterung von Jesus und seiner Auferstehung und riskieren damit nicht nur, dass sie sich lächerlich machen, sondern auch, dass sie verhaftet werden. Es muss eine kuriose Szene gewesen sein. Wie Betrunkene grölen und lallen die Urgroßmütter und –väter unseres Glaubens am helllichten Tag durch die Gassen von Jerusalem. Ich bin froh, dass Lukas genau diese Anstößigkeit des Pfingstwunders nicht wegretuschiert hat. Denn das macht deutlich: Am Anfang der Kirchengeschichte steht eben keine glorreiche Gründungsveranstaltung, da gibt es keinen Festredner, bei dem alle applaudieren – nein, das Ganze hat eher den Charakter eines handfesten Skandals.

Doch dieses Ereignis entfaltet eine ungeheure Wirkung. Obwohl die Jünger in den Augen anderer wirres Zeug reden, hören die Menschen ihnen zu; und obwohl die Zuhörenden aus aller Herren Länder kommen und keine gemeinsame Sprache sprechen, klappt die Verständigung. Ja man hat das Gefühl, Babel wird hier ins Gegenteil verkehrt. Hat Gott damals die Menschen zerstreut, weil sie nur an sich und ihre eigene Macht glauben wollten, so führt er sie jetzt zusammen und ermöglicht eine Verständigung über alle Kulturen und Sprachen hinweg. Das bewirkt der Geist Gottes, der die Menschen anrührt, aufrüttelt und ansteckt.

Nun bleibt es ja aber bei Geburtstagen nicht nur dabei, über beeindruckende Ereignisse aus glücklichen Anfangszeiten zu reden. Nein, bei einem solch langen Leben, da kommen auch die Verwicklungen, die Misserfolge, der verursachte Ärger und so manche Schicksalsschläge auf den Tisch. Da wird erzählt, was aus den Hoffnungen des Anfangs, den Sehnsüchten geworden ist. Und da gibt es sicherlich sehr bewegte Momente unserer alten Dame „Kirche“ zu erzählen, die wir uns stundenlang anhören könnten. Aber ich möchte lieber fragen: Wie steht es denn heute um sie, um das Geburtstagskind?

Oft heißt es ja, ihr Ansehen sei durch schwere Fehler und Missstände in der Vergangenheit mehr als ramponiert und der Missbrauch und das Fehlverhalten ihr nahestehender Personen in der jüngeren Geschichte habe dieses Ansehen noch mehr beschädigt. Viele schenken ihr deshalb kein Gehör mehr und manche fragen sich ohne Scheu, wie lange sie denn wohl noch zu leben habe. Von verschiedenen Seiten werden kostspielige Behandlungspläne aufgestellt; immer neue Allheilmittel verschrieben – aber bislang blieb der große Erfolg aus. Wenn die Stimmung so mau ist, dann wird gerade an Geburtstagen ganz gern die alte Zeit beschworen, in der alles noch vermeintlich besser war. Ja, es wird die Sehnsucht spürbar, dass Gottes Geist eben auch heute in unserer Kirche erfahrbar sein möge.

Deshalb heißt eines der Zauberworte unserer Zeit: Spiritualität; ableitend von spiritus – geistvoll. Aber Vorsicht: Der Geist Gottes ist dabei keine x-beliebige Verfügungsmasse, die man sich bei Seminaren einfach einverleiben kann. Sich auf sein Wirken einzulassen bedeutet immer auch ein Wagnis einzugehen. Es ist nicht vorherzusehen, wann oder wie der Geist Gottes wirkt und welche Konsequenzen das letztlich hat. Und eines ist mir auch klar: Wenn wir versuchen, alles in unserem Leben und in unserer Kirche selbst in der Hand halten zu wollen, dann werden wir das Wirken des Geistes nicht spüren und seine Kraft eher behindern. Die Pfingstgeschichte macht mir nämlich deutlich, dass Menschen nicht immer machen, sondern eher auch mal einen Schritt zurücktreten müssen, damit der Geist Gottes sein lebendiges Wirken entfalten kann.

Und ein letzter Gedanken: Gottes Geist überwindet all das, was Menschen voneinander und von Gott trennt. Die unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Überzeugungen stehen nicht mehr im Wege, wenn Gott durch seinen Geist zu uns spricht. Er weiß, was wir wirklich brauchen und er spricht die Sprache des Herzens und liest von unserer Seele ab, was uns fehlt.

Jetzt war so viel von Geburtstag die Rede und es stellt sich für mich noch die Frage nach einem angemessen Geschenk. Jubilare in diesem hohen Alter haben ja in der Regel schon alles – und unsere Kirche schöpft ja auch aus einem schier unendlichen Schatz an Geschichte und Tradition. Aber damit sie spürt, dass sie einen ganz besonderen Auftrag hat und damit mir bewusst wird, dass es auch mit meine Aufgabe ist, an diesem Auftrag mitzuarbeiten, weil ich, weil wir alle zu diesem Geburtstagskind dazugehören und ein Teil von Mutter Kirche sind, schenke ich ihr die Gedanken, die der bekannte Wiener Kardinal König ihr mal mit folgenden Worten ins Stammbuch geschrieben hat:

„Die Kirche Jesu Christi sei eine einladende Kirche. Eine Kirche der offenen Türen. Sie sei eine wärmende und mütterliche Kirche. Eine Kirche der Generationen, der Toten, der Lebenden, der Ungeborenen. Eine Kirche derer,

die vor uns waren, mit uns sind und nach uns kommen werden. Eine Kirche des Verstehens und Mitfühlens, des Mitdenkens, Mitfreuens und Mitleidens. Eine Kirche, die mit den Menschen lacht und weint. Eine Kirche, der nichts fremd ist und die nicht mit den Menschen fremdelt. Eben eine menschliche Kirche – eine Kirche für uns und mit uns.

Eine Kirche, die wie eine Mutter auf ihre Kinder warten kann. Die ihre Kinder sucht und ihnen nachgeht. Die die Menschen aufsucht, wo sie sind: am Arbeitsplatz, beim Vergnügen, in ihrer Wohnung. Eine Kirche der festlichen Tage und des alltäglichen Kleinkrams. Eine Kirche, die nicht verhandelt und keine Bedingungen stellt oder Vorleistungen erwartet, die nicht moralisiert. Eine Kirche, der Kleinen, Armen und Erfolglosen, Mühseligen und Beladenen, der Scheiternden und Gescheiterten, in Leben, Beruf, Familie. Eine Kirche der Heiligen, aber auch der Sünder. Eine Kirche nicht der frommen Sprüche, sondern der helfenden Tat. Unsere Kirche!“

In diesem Sinne lasst uns Pfingsten, lasst uns Geburtstag feiern – es ist der Geburtstag unserer Kirche, aber auch der Geburtstag jeder und jedes Einzelnen von uns. Denn wir sind doch die lebendige Kirche hier am Ort. Amen.