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Predigt 2. Advent 2017 – D. Bolz

Predigt zum 2. Advent 2017
Lesung: Jes 40, 1-5.9-11 / Mk 1, 1-8

Schwestern und Brüder!
„Wir machen den Weg frei!“ Dieser Werbeslogan einer Bank hat vor über 20 Jahren für viel Aufsehen gesorgt und ist den Menschen dabei so nachhaltig in Erinnerung geblieben, dass er jetzt wieder neu aufgelegt worden ist. Was uns dieser Spruch suggerieren soll, liegt auf der Hand: Es gibt nichts, was wir nicht bewerkstelligen können. Jedes Hindernis räumen wir aus dem Weg oder umgehen es gekonnt – niemand kann uns aufhalten. Jetzt wissen wir natürlich: Das ist Werbung! Und Werbung muss so sein, dass wir uns ansprechen lassen. Da wird dann eben der Mund ziemlich vollgenommen, durchaus im Wissen darum, dass die Wirklichkeit oft anders aussieht, als sie uns hier vorgegaukelt wird. Trotzdem wünschte ich mir für unsere Kirche manches Mal etwas von diesem Optimismus und von diesem Selbstbewusstsein des: „Ja, wir machen den Weg frei!“ Wenn es Hindernisse gibt, wenn Probleme im Weg liegen, dann resignieren wir nicht, sondern krempeln die Ärmel hoch und räumen die Hindernisse weg. Ganz so, wie es Lesung und Evangelium auch zum Ausdruck bringen.
Beide Texte fordern uns auf, die Barrieren und Barrikaden, die Blockaden und Hemmnisse beiseite zu schaffen – den Weg frei zu machen – auf dem Gott zu uns Menschen kommen will. Aber übernehmen wir uns da nicht? Nehmen wir da den Mund nicht auch ein wenig zu voll, genauso wie die Werbedesigner der Bank? Die Realität zeigt doch ziemlich ernüchternd, dass es der Kirche nicht gerade vorbildlich gelingt, Gott den Weg zu den Menschen zu bahnen. Im Gegenteil – offensichtlich ist die Kirche oft selbst so ein Hindernis für manche Menschen auf ihrem Weg zu Gott.
Wenn wir also fragen, wo wir anfangen müssen, um den Weg frei zu räumen, dann wird so mancher Zeitgenosse sagen: Dazu muss man erst einmal die Kirche verändern. Und schnell wird dann auf all die Punkte verwiesen, die schon seit Jahren für Diskussionen sorgen: der Pflichtzölibat, die Weihe von Frauen, der Umgang in der Kirche mit den Missbrauchsvorwürfen bis hin zur Kirchensteuer. Dass wir uns da nicht falsch verstehen: Auch ich halte diese Themen klärungsbedürftig und dass gerade beim Missbrauch ein dringender Handlungsbedarf bestanden hat, das ist uns allen mehr als deutlich geworden. Aber – wir dürfen auch nicht so blauäugig sein zu meinen, dass der Weg wirklich frei wäre – die Kirchen wieder voll und der Glaube bei allen präsent, wenn wir all diese angesprochenen Themen einwandfrei und dauerhaft geklärt hätten.
Sicherlich: Die Kirche muss sich verändern; sie muss sich ständig reformieren und erneuern, um den Menschen und somit auch Gott nahe zu sein. Doch meines Erachtens muss diese Veränderung tiefer ansetzen. Was müssen wir also wirklich aus dem Weg räumen, damit die Menschen in der Kirche wieder Gott finden können und die Kirche zur Strasse wird, auf der Gott zu den Menschen kommen kann? Wir dürfen die Kirche nicht nur als Institution begreifen, sondern wir müssen wahrnehmen, dass wir selber – Sie und ich – diese Kirche sind. Das ist eine unbequeme Wahrheit, denn wenn das stimmt, dann müssen wir uns eben auch eingestehen, dass wir selbst, alle ohne Ausnahme, von Papst Franziskus bis hin zu meiner Person, dass wir diejenigen sind, die möglicherweise als Hindernis zwischen Gott und den Menschen auf dem Weg liegen. Und das bedeutet: Wir müssen uns ändern. Genau dazu lädt uns die Adventszeit ein.
Vielleicht kann uns dieser Gedanke anhand eines anderen Bildes noch deutlicher werden, das mir aus meiner Zeit auf Teneriffa sehr präsent ist. Dort gab es im Norden ein tolles Flughafengebäude mit allem Know how, was man sich nur vorstellen kann. Aber die Landebahn – so viele Piloten – war dermaßen schlecht ausgeleuchtet und in einem desaströsen Zustand, so dass häufig Nacht- oder Schlechtwetterflüge abgesagt werden mussten. Was ich damit sagen will: Ich denke, wir müssen als Kirche weniger eines gut organisierten Flughafengebäudes gleichen, als vielmehr eine lebendige und gut sichtbare Landebahn für Gott in der Welt sein. Wenn ein Flugzeug in der Nacht oder bei schlechtem Wetter landen will, dann ist es nun mal darauf angewiesen, dass die Landebahn gut ausgeleuchtet ist. Die Lichtspur zeigt ihm, wo es problemlos niedergehen und sicher landen kann. Genau das aber ist auch unsere Aufgabe: Die Lichtspur Gottes in der Welt zu sein, damit er bei den Menschen ankommen kann.
Bei den Israeliten, das hat uns die Lesung gezeigt, da war es auch finstere Nacht, als sie damals in der babylonischen Gefangenschaft waren. In der Zeit haben viele ihren Glauben an Gott verloren, den Glauben daran, dass dieser Gott sie liebt und bei ihnen ist. Wer kann auch schon an einen liebenden und fürsorgenden Gott glauben, wenn er sein Dasein über Jahr-zehnte in Gefangenschaft fristen muss? Aber genau in diese Situation spricht der Prophet Jesaja seine Botschaft und ist damit für die Menschen wie eine Leuchtspur in der Nacht: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Strassen! Der Herr kommt und führt euch heim! Das heißt doch nichts anderes als: Gott hat euch nicht verlassen. Er war und ist bei euch und geht jetzt den Weg mit euch zurück ins Gelobte Land.
Diesen Ruf greift auch Johannes in der Wüste auf. Wüste ist in der Bibel ja immer mehr als ein geologischer Begriff. Sie steht auch als Symbol für alles, was in uns Menschen leer und tot ist; was wir an Orientierungs- und Ausweglosigkeit in uns tragen. Wenn er uns nun auffordert, dem Herrn eine Strasse zu ebnen, dann will er darauf aufmerksam machen, dass Gott gerade in diesen Situationen bei uns spürbar und erfahrbar ankommen will. All überall dort, wo Finsternis, Verlassenheit und Hoffnungslosigkeit in uns Menschen um sich greifen, da will er ankommen. Er will quasi in diese unsere menschlichen Wüsten treten, um sie fruchtbar zu machen. Johannes ist dazu der Wasserträger, während Jesus den neuen Geist spendet. Nur: Es braucht eben immer solche Menschen, die sich als Wasserträger wie Johannes betätigen und so den Weg Gottes zu den Menschen frei machen. Menschen, die selbst so etwas wie eine Lichtspur Gottes, wie ein Landefeuer für ihn sind.
Heilige sind solche Menschen, das haben uns die vergangenen Wochen und Tage gezeigt: Martin und Elisabeth, aber auch jetzt Barbara und Nikolaus. Heilige, die in und durch ihr Leben deutlich gemacht haben, dass Gott da ist. Aber es sind nicht nur diese Leuchtgestalten, die den Weg für Gott ebnen. Auch wir haben seinen Geist in Taufe und Firmung empfangen und sollen ihn dorthin bringen, wo Gottes Kraft Menschen in Krankheit und Not aufrichten und stärken soll; wo Gottes Kraft Menschen, die in Gefühle von Schuld und Versagen gefangen sind, befreien soll; wo das geistlose Geplapper dieser Zeit überwinden wird und menschliches Leben einen tieferen Sinn erfährt durch seinen guten Geist.
Wir machen den Weg frei! Wenn das auch in unserer Kirchen und unserem Glauben Wirklichkeit werden soll, dann wird uns das nur gelingen, wenn wir ihn und seinen Geist in unserem Leben entdecken und wenn wir spüren, dass er da wirksam ist. Und wenn wir dieses Licht des Glaubens in uns nach außen leuchten lassen und weitergeben, dann tragen wir Sorge dafür, dass in dieser Welt wieder neu eine eindrucksvolle Leuchtspur gelegt wird. Eine Leuchtspur, die die Kirche und uns zu einer lebendige Landebahn werden lässt, auf der Gott bei den Menschen ankommen kann.

Bertram Bolz, Diakon