Impulse/PredigtenLiturgie

Predigt 2. Sonntag der Osterzeit – D. Bolz

L I: Apg 4,32-35 / Ev: Joh 20, 19-31

Schwestern und Brüder!
Die dominierende Figur des heutigen Evangeliums ist schnell ausgemacht. Es ist der Apostel, der bis auf den heutigen Tag zum Namenspatron all derer geworden ist, die sich überaus schwer damit tun, irgendwelche Überzeugungen anderer zu glauben. Und damit meine ich jetzt nicht nur religiöse. Allerdings ist mir Thomas deshalb bei weitem nicht unsympathisch, denn in so manchem Verhalten von ihm, da kann ich mich durchaus wiederfinden. Er ist nämlich keiner, der gleich jedem hinterherläuft und deshalb auch nicht gleich jedem auf den Leim geht – vielmehr ist er jemand, der sich sehr wohl bewusst ist, dass er einen Verstand hat und diesen auch gebrauchen kann und gebrauchen darf.
Mit dieser Sichtweise kann Thomas aber durchaus auch als Sinnbild des heutigen Menschen gesehen werden; eines Menschen, der sehr genau weiß, was der Fortschritt die letzten Jahrzehnte gebracht hat und der sich deshalb oft mehr als schwer mit all dem tut, was nicht handfest und eindeutig bewiesen werden kann. „Ich glaube nur, was ich sehe“, so lautet auch heutzutage die vielzitierte Devise. Trotzdem tut man diesem Apostel unrecht, wenn man ihn jetzt nur als Patron der Zweifler und Ungläubigen darstellt. Schließlich werden an ihm und seinem Verhalten für mich drei Gesichtspunkte deutlich, die für den Glauben unabdingbar sind. Wenn wir diese näher betrachten, kann uns dieser Thomas durchaus vom Zweifeln zum Glauben führen.
Als erstes zeigt er uns mit seinem Markenzeichen, dass zum Glauben auch der Zweifel gehört. Christlicher Glaube, ist nicht einfach ein Fürwahrhalten von vorformulierten Glaubenssätzen und hat nichts mit dem Ausschalten des eigenen Verstandes zu tun. Christlicher Glaube, das ist auch nicht einfach eine Rechenaufgabe, die ein für allemal verbindlich gelöst werden kann. Nein – im Glauben gibt es immer eine Unbekannte – mindestens. Und Glaube, das ist andererseits gleichfalls das Ringen um einen Weg, der sich in und mit den Jahren verändern kann. Neue Erkenntnisse führen dazu, dass Glaube und Kirche sich verändern können und verändern müssen, wenn sie dem Menschen dienen wollen und nicht irgendeinem Gesetzeswerk. Glauben ist dabei nie etwas Leichtfertiges und kein vorschnelles Nachplappern von auswendig gelernten Sätzen; nein, glauben muss immer wieder neu erfahren und riskiert werden. Denn Glauben hat zu tun mit: mich öffnen, loslassen, mich auf etwas einlassen; Glauben hat mit Vertrauen, mit Aufbrechen, mit Platz machen zu tun, damit in mir etwas wachsen kann.
Aus diesem Gesagten wird deutlich: Glaube ist niemals ein ebener Weg, sondern ein Prozess, bei dem man auch vor Rückschlägen nie gefeit ist. Im Glauben kann, darf, ja muss es Krisen geben, damit man immer wieder auf den entscheidenden Punkt gestoßen wird. Wie sagte der große Theologe und Jesuit Karl Rahner: „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder es wird ihn nicht mehr geben.“ Und Mystiker sind nun mal Menschen, die weit mehr mit dem Herzen, mit ihren Emotionen leben und weniger mit dem Kopf und dem reinen Verstand.
Das Zweite, was Thomas deutlich macht: Der Glaube braucht Gemeinschaft. Er braucht Menschen, die sich gegenseitig stützen, tragen, ermutigen und so einander Weggefährten werden. Allein kann keine und keiner von uns glauben, denn sonst bin ich wie eine Pflanze die langsam abstirbt, weil sie kein Wasser und kein Licht mehr bekommt. Nicht umsonst heißt es in einem äthiopischen Sprichwort: „Den Acker deines Lebens kannst du nicht selbst be-stellen. Den Dschungel in deinem Herzen kannst du nicht selbst roden. Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selbst sagen.“
Die Gemeinschaft der Glaubenden ist die Kirche vor Ort, aber auch die Kirche weltweit; und ehrlich gesagt: Wir alle haben mit diesen beiden Formen unserer Kirche schon ganz eigene Erfahrungen gemacht. Gute, aber auch weniger Gute. Wie sagte mir mal jemand, der aus der Kirche ausgetreten war: „Wissen Sie, gegen den Herrgott da oben hab’ ich ja nichts; aber sein Bodenpersonal lässt doch schwer zu wünschen übrig.“ Sicherlich kann man über diese Aussage schmunzeln; aber sie hat doch eine mehr als ernste Aussageabsicht – vor allem, wenn man die Graben- und Machtkämpfe anschaut, die derzeit stattfinden und vor allem von deutschen Bischöfen gegen Papst Franziskus geführt werden. Dass Theologen unterschiedlicher Auffassung sein können, das zeigt ein Blick in die Geschichte. Aber dass man heutzutage in der Öfentlichkeit immer nach Ökumene ruft und die Chance dann nicht nutzt, wenn der Papst selbst einen dazu ermutigt, das bleibt mir gedanklich und in meinem Herzen fremd. Denn das nenne ich nicht mehr Suche nach mehr Geschwisterlichkeit mit unseren evangelischen Schwestern und Brüdern, sondern interne römisch-katholische Machtkämpfe, die auf dem Rücken der konfessionsverbindenden Paare ausgetragen werden. Anstatt das zu tun und zu leben, was Jesus wichtig war und was er uns vorgelebt hat – Wertschätzung, Menschlichkeit, Willkommenskultur, Gastfreundschaft und Mahlgemeinschaft – meinen ein paar Bischöfe sich lieber abschotten und selbst den Nachfolger Petri in die Schranken weisen zu müssen. Für mich ein Affront der seinesgleichen sucht; vom Porzellan, welches da auf ökumenischem Boden zerschlagen wird, mal ganz zu schweigen. Selbst die anderen strittigen Punkte wie Zölibat, wiederverheiratete Geschiedene, Leitungsfunktionen für Laien etc. treten da derzeit in den Hintergrund. Doch ich will nicht nur lamentieren, sondern uns alle daran erinnern: Kirche, das sind auch wir – Sie und ich. Deshalb sollten wir eben gerade all überall dort, wo wir etwas bewegen und tun können, auch ein anderes Bild von Kirche vermitteln, als viele Zeitgenossen es von uns haben. Lassen wir einfach mal die alte „man müsste und man sollte doch“ – Mentalität beiseite und fangen wir an, überall dort konkret zu werden, wo wir selbst die Mittel und die Fähigkeiten dazu haben.
Das Dritte und Letzte, was wir anhand der Thomas-Geschichte für den Glauben erkennen können ist: Dass christlicher Glaube etwas mit meinem Leben zu tun hat. Dass er mein Leben und meinen Alltag verändern kann und verändern wird. Genauso wie die österliche Begegnung des Thomas mit Jesus den Apostel verändert hat. Ostern zieht Kreise – im Alltag des Thomas und bis auf den heutigen Tag. Auch heute können wir die Spuren Gottes in unserem Alltag entdecken, auch heute kann der Glaube vieles verändern, wenn wir es an uns selbst zulassen. Dafür Beispiele zu konstruieren halte ich jetzt nicht für angebracht, denn Sie wissen selbst doch am besten, wo ihnen der Glauben in ihrem Leben schon zweifelsfrei weiter geholfen hat. Und wenn Sie sich schwer tun das zu entdecken, dann gibt es vielleicht Menschen um Sie herum, die Ihnen dabei helfen können. Seien Sie dafür einfach offen.
Glaube – und nichts anderes sollte mit all diesen Gedanken deutlich werden – ist nichts abstraktes, sondern hat immer mit mir und meinem Alltag zu tun. Mein Glaube und mein Tun sollten so zusammenlaufen, dass die Welt ein menschlicheres Antlitz bekommt. Denn die Gottes Nähe spüren wir doch nur dort:
– wo Menschen einander lieben und sich in Liebe begegnen;
– wo Menschen einander verzeihen und einen Neuanfang wagen;
– wo Menschen die Schöpfung Gottes und ihre Geschöpfe achten;
– wo letztlich Menschen einander zur Hoffnung werden.

Bertram Bolz, Diakon