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Predigt 3. Advent 2017 – D. Bolz

Predigt zum 3. Advent 2017
Lesung: Jes 61, 1-2a.10f / Evangelium: Joh 1, 6-8.19-28

Schwestern und Brüder!
Vor kurzem las ich folgenden Artikel in einer Zeitschrift: Ein Eingeborener aus Papua-Neuguinea, kam erstmals in der Adventszeit nach Europa und zu uns nach Deutschland. Weihnachten war ihm bislang unbekannt; aber jetzt sah er überall die grünen Tannenzweige, Lichterketten und Kerzen. Auf Fotos hatte er schon mal gesehen, was ihm jetzt in großen Geschäftshäusern in Natura begegnete: Ein alter Mann mit rotem Mantel und weißem Bart. Dazu gab es lieblich klingende Musik und er sah viele Menschen, die einen Baum unter dem Arm trugen. Der Gast sah dies alles mit wachen Augen und als seine Freunde ihn fragten, was er wohl denke, was sie denn in diesen Tagen und an Weihnachten feiern, sagte er: „Entweder denkt ihr da an einen alten, ehrwürdigen Mann, der mit Wald oder Bäumen zu tun hatte, anders kann ich mir nicht erklären, weshalb ihr so viel Grünzeug spazieren tragt oder ihr feiert den Gedenktag eines Nachtwächters, weil so viele Kerzen brennen. Gleichgültig aber, an wen ihr nun denkt – diese Person muss wohl ziemlich beliebt gewesen sein.“
Ob es sich hier nun um einen Tatsachenbericht handelt oder ob sich da jemand einen Scherz erlaubt hat – ich weiß es nicht; auf alle Fälle aber hat der Verfasser damit trefflich beschrieben, wie wenig der eigentliche Sinn von Weihnachten in der Öffentlichkeit zur Geltung kommt.
Machen wir einen Szenenwechsel! „Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt!“ Auch hier wird – nach Aussage des Johannes – von den Menschen etwas nicht erkannt. Aber wen klagt er damit an? Gilt der Vorwurf den Pharisäern, die anscheinend keine Ahnung haben, dass die Zeit erfüllt ist und Gott den Messias gesandt hat? Oder gilt dieser Ausspruch den Juden in Jerusalem, die Priester und Leviten zu Johannes in die Wüste gesandt haben? Sie sollen ja in Erfahrung bringen, wer der Täufer ist. Oder gelten diese Worte uns – Ihnen und mir? Nach der eingangs erwähnten Feststellung, wie unsere Weihnachtsvorbereitungen auf andere oft wirken, ist es für mich wirklich mehr als fraglich, ob wir IHN – also den, der da kommen soll und schon unter uns ist – ob wir den wirklich erkennen und wahrnehmen.
„Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt!“ Eine provozierende Aussage von Johannes, wie alles an ihm provozierend ist. Seine Kleidung, seine Lebensweise, seine Predigt. Er geht mit den Leuten, die zu ihm kommen und ihn hören wollen, nicht gerade zimperlich um – nennt sie: Schlangenbrut und Natterngezücht. Ja, Johannes provoziert – und provozieren heißt ja wörtlich übersetzt: heraus-rufen, heraus-fordern. Und genau das hat Johannes getan. Er hat die Leute aus den Städten und Dörfern in die Wüste gerufen und sie zu Selbstbesinnung, Buße und Umkehr aufgefordert. Er hat sie aus ihrer Selbstzufriedenheit und Bequemlichkeit, aus ihren Abhängigkeiten und aus dem Gefängnis der Selbstgerechtigkeit herausgeholt. Er hat so gepredigt, dass die religiösen und politischen Machthaber in Jerusalem kalte Füße bekamen und deshalb diese Abordnung losschickten, die ihn verhören mussten: Wer bist du? Warum taufst du? Und – er hat die Sicherheit derer zerstört, die sich selbst für so unsagbar gut und fromm hielten und er hat all jene in eine heilsame Unruhe versetzt, deren Leben festgefahren war – frei nach dem Motto: „Eine feste Burg ist unser alltäglicher Trott!“
Doch Vorsicht: Johannes ruft die Leute nicht in die Wüste, um seinen eigenen Fan-Club aufzumachen; um ihnen seine Ideen anzupreisen, sondern um sie auf einen anderen hinzuweisen; um sie wachzurütteln für das Kommen eines anderen. Er selbst sieht sich ja nur als Vorläufer dessen, der zwar bereits da ist und doch von den Menschen nicht erkannt wird. Und weshalb? Weil der, der kommen soll, so ganz anders ist als die Vorstellung, die die Menschen – auch Johannes selbst – sich von ihm gemacht haben. Nicht umsonst fragt Johannes später aus dem Gefängnis heraus: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“
Die Vorstellung der Menschen war damals so, dass der Messias kommt um die Spreu vom Weizen zu trennen, reinen Tisch zu machen und mit harter Hand die Herrschaft Gottes aufzurichten. Aber gekommen ist ein Messias, der Barmherzigkeit übt; der dem Verlorenen nachgeht und die Liebe über alles stellt. Dass dies die Leute misstrauisch macht, dass sie ins Nachdenken und Grübeln kommen – das ist mehr als verständlich. Und diese Verunsicherung der Leute zeigt sich dann in Aussagen wie: „Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria und sind nicht Jakobus, Josef, Simon und Judas seine Brüder? Leben nicht alle seine Schwestern unter uns? Woher also hat er das alles? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.“ So berichtet uns Matthäus von dem Moment, als Jesus in seine Heimatstadt Nazareth kommt und dort zu predigen beginnt.
„Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt“. In der Tat: Jesus entspricht nicht den Erwartungen und Vorstellungen; deshalb übersehen ihn auch all die, deren Augen eigentlich schon weit geöffnet waren für den Messias. Doch weil sie den Messias eben in einer bestimmten Denkschublade hatten, konnten sie ihn nicht mit der Person des Jesus von Nazareth in Verbindung bringen. So wie z.B. auch Natanael, der auf die Begeisterung von Philippus schlicht antwortet: „Aus Nazareth? Ja, kann denn von dort was Gutes kommen?“
Jetzt geht mir aber schon die ganze Zeit durch den Kopf: Hat sich denn seit der Zeit damals viel verändert? Die einen sehen heute in Jesus immer noch den Sozialrevolutionär, andere den Vorreiter der Emanzipation und wieder andere missbrauchen ihn als Garanten ihrer religiösen und moralischen Macht. Wie hat mal jemand treffend gesagt: 1000 Köpfe ergeben 1000 Jesusbilder. Und so wie Jesus damals, ergeht es doch auch vielen von uns heute. Noch bevor wir die Chance bekommen zu sagen, wer wir sind und was wir wollen, steht die Meinung anderer über uns schon lange fest. Am Schlimmsten ist das bei den Menschen, die uns nur vom Hörensagen her kennen. Da steht häufig längst fest, was sie von uns zu halten haben, selbst wenn sie uns von einer ganz anderen Seite her kennen lernen könnten. Und was noch schlimmer ist: In solchen Fällen wird jedes Wort, jede Handlung von dieser vorgefassten Sicht her gefiltert und Erfahrungen, die eigentlich das Gegenteil bezeugen könnten, werden schlicht ignoriert. Wie klagte schon der Prophet Jeremia: „Augen haben sie und sehen nicht; Ohren haben sie und hören nicht.“ In der Tat: Der Mensch kann trotz besten Sehvermögens blind sein, wenn er einfach nicht sehen will. Das gilt sowohl für wissenschaftliche Erkenntnisse wie einst bei Galilei als auch für Empfindungen, Gefühle und Meinungen gegenüber unseren Mitmenschen. Deshalb mein Appell an uns alle für die letzten Tage dieser kurzen Adventszeit – seien wir offen füreinander. Verzichten wir auf Denkschablonen, so bequem sie auch manchmal sein mögen. Seien wir uns bewusst, dass man einen anderen Menschen niemals von A-Z kennen kann. So – und nur so, werden wir durch jede Begegnung bereichert und vor allem: Nur so werden wir der einmaligen Persönlichkeit jedes Menschen gerecht.
halten wir fest: Johannes der Vorläufer provoziert auch heute! Er lädt Sie und mich ein, andere nicht auf unser Bild von ihnen festzulegen, sondern vielmehr uns und unser Bild von ihnen immer wieder zu hinterfragen. Und: er hat gezeigt, wie wichtig es ist, sich täglich neu mit der Botschaft und der Person Jesu auseinanderzusetzen, damit wir den erkennen, der an Weihnachten auf uns zukommt und der in unserem Leben doch bereits mitten unter uns steht. Amen.

Bertram Bolz, Diakon