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Predigt 3. So im Jahreskreis – D. Bolz

Predigt zum 3. Sonntag im Jahreskreis 2018 (21.01.2018)
L I: Jona 3, 1-5.10 / Ev.: Mk 1, 14-20

Schwestern und Brüder!
In einer alten chassidischen Geschichte wird erzählt, wie ein Mann zum Rabbi seines Dorfes ging, um ihn in einer schwerwiegenden Sache um Rat zu fragen. Die Frau des Rabbi sagte ihm, er müsse warten, da jemand an-derer gerade bei ihrem Mann zur Beichte sei. Das Warten zog sich hin, wobei man ab und an ein Lachen durch die Wände hörte. Auf einmal wurden aus dem Lachen ganze Lachsalven. Und als der Besucher gerade wütend gehen wollte, weil er von der ewigen Warterei die Nase voll hatte, da ging die Tür des Nebenzimmers auf und der Besucher und der Rabbi kamen heraus, schlugen sich auf die Schenkel und lachten Tränen. Da fragte der Mann erbost: „Ist das eine Art vor Gott die Beichte abzunehmen?“ Da antwortete ihm der Rabbi: „Bruder, freu dich mit uns, denn dieser hier hat seine Sünden begriffen und verstanden, dass sie so dumm waren, dass er eigentlich nur noch darüber lachen kann.“
Kann man über Schuld und Sünden wirklich lachen? Schauen wir dazu mal in das kleine Buch des Propheten Jona, aus dem wir eben einen kleinen Abschnitt als Lesung gehört haben. Auch hier ist das ernste Geschehen der Umkehr in fast wundervollen Humor verpackt, obwohl es doch um die wichtige Frage geht: Was meint Umkehr eigentlich und wie ist sie am besten zu verstehen? Vielleicht kommt man dem Sinn der ganzen Erzählung etwas besser auf die Spur, wenn man versucht, sich in den Propheten Jona hineinzuversetzen. Deshalb schlage ich vor, lassen wir ihn doch einfach mal fiktiv selbst zu Wort kommen. So, als hätte er – nachdem alles vorbei war – seine Eindrücke jemandem erzählt. Vielleicht würde sich das dann so anhören:
„Da hatte Gott mir also gesagt: Ich solle nach Ninive gehen. Ausgerechnet nach Ninive. Dahin wo das Leben tobt, wo es nur um „Geld“ und „Spaß“ geht. Predigen solle ich ihnen, dass ein solches Verhalten den Karren irgendwann gegen die sprichwörtliche Wand fahren wird. Aber ich hatte keine Lust, mir das anzutun. Schließlich war mir gleich klar, dass am Ende nur ich selbst der Gelackmeierte sein würde. Denn welche Möglichkeiten tun sich denn auf? Entweder die Leute biegen sich vor Lachen wenn sie mich hören und sagen: Der hat nicht alle Tassen im Schrank. Oder aber, sie nehmen mich tatsächlich ernst und bekehren sich – was dann? Dann würde Gott von dem, was er ihnen angedroht hatte, nichts aber auch gar nichts wahrmachen.
Deshalb beschloss ich für mich, einfach abzutauchen. Oder besser gesagt: Ich habe es versucht. Heute muss ich da über mich selbst lachen. Wie wenn man vor Gott davonlaufen könnte. Aber damals dachte ich, das ist die Lösung. Also machte ich mich auf den Weg. Aber nicht nach Ninive, wie ER gesagt hatte, sondern weit weg in die entgegengesetzte Richtung nach Tarschisch. Doch da kam mir der Sturm in die Quere. Das war vielleicht brutal. In dem Schiff waren sie dann irgendwann der Überzeugung, dass ich der Schuldige an diesem Unwetter sein muss, weil ich auf der Flucht vor dem Herrgott war. Und da mir eh alles egal war, hab ich mich dann in’s Wasser werfen lassen. Der Fisch kam, schluckte mich und riss mich in die Tiefe. Jedenfalls empfand ich es so. Aber ich hab dann auch gemerkt: Als ich nichts mehr dagegen machen konnte, fühlte ich mich in diesem Fisch auf einmal wohl und geborgen, so wie ein Ungeborenes im Mutterleib. Und es dauerte auch gar nicht lange, und ich verspürte wieder Boden unter meinen Füßen. Doch da fing Gott wieder an mit seinem ewigen: „Geh nach Ninive!“ Also, was blieb mir anderes übrig: Ich also auf nach Ninive, um in seinem Sinne zu predigen. Und was geschah? Genau das, was ich befürchtet hatte. Die Leute bekehrten sich tatsächlich. Was heißt bekehren: Sogar die Tiere wurden in Bußkleider gehüllt. Das müssen Sie sich mal vorstellen: Rindviecher in Bußgewändern! Aber ich – ich habe mich trotzdem maßlos geärgert. Was ich anzukündigen hatte, nämlich das Strafgericht Gottes, das blieb nun aus. Und weshalb? Nur wegen so ein paar lockerer Bußübungen. Genau genommen kehrten nicht nur die Menschen um, sondern auch Gott selbst! Da frage ich mich doch: Wofür braucht er mich dann?
Sehen Sie – und genau das war das eigentliche Problem: ICH und meine Ansichten. Ja, es war mein Problem. Denn wenn ich so zurückdenke, dann hat Gott mit mir und meiner Überzeugung weit mehr Probleme gehabt, als mit den Menschen in Ninive. Ich hatte ja damals gar nicht begriffen, wer und wie Gott wirklich ist: Er ist der Barmherzige, dem schon ein kleines Zeichen der Aufmerksamkeit ausreicht, um von sich aus alles wieder ins Lot zu bringen – gratis. Das habe ich aber erst lernen müssen – und ER, ER lehrte es mich auf seine ganz eigene Weise. Denn in meinem Groll und meinem Verschnupft-Sein IHM gegenüber, hatte ich mich ja draußen vor der Stadt in die Bullenhitze gesetzt. Die Sonne brannte mir aufs Haupt und doch war es mir auf einmal, als säße ich im Schatten eines großen Rizinusstrauches. Und stellen Sie sich vor: Auf einmal hatte ich Mitleid mit dem Schatten. Doch dann ging mir durch den Kopf: Hey, geht’s noch? Wenn ich Mitleid mit dem Schatten habe – also einem Nichts – ja um alles in der Welt, wie muss es Gott dann wohl leid tun um all das, was ER geschaffen hat, also auch um Ninive und seine Bewohner? Hundertzwanzigtausend Menschen, die halt so vor sich hinleben. Und auf einmal verstand ich ihn. ER wollte einfach nicht, dass die Leute sich und ihr Leben zugrunde richten. Dieser Gott, der am Dornbusch zu Mose gesagt hat: „Ich bin, der ich bin da für euch!“, er will, dass es den Menschen und der Schöpfung gut geht. Und wenn mal etwas unvollkommen oder angeschlagen ist, wenn mal jemand in die Irre läuft oder sich schuldig gemacht hat, dann ist ihm das immer noch lieber, als wenn da nichts wäre. Deshalb ist er ja auch barmherzig mit allem, was schuldhaft oder in Sünde verstrickt ist. Doch das musste ich eben erst kapieren. Das ist nicht einfach, weil die Sache so leicht auch gar nicht in Worte zu fassen ist.
Was mich nun betrifft: Ich hatte mich selbst und mein Amt zu wichtig genommen. Natürlich war das wichtig, Ninive aufzurütteln. Aber das, was dann von seiner Seite aus geschah, das war unvergleichlich größer und schöner. Sicher: Ich war stinksauer, dass seine Güte mal wieder über all die Sünde und Schuld gesiegt hatte. Doch heute muss ich über mich selbst lachen und bin froh, damals sein Werkzeug gewesen zu sein. Schön, dass es Menschen gab, die später meine Geschichte mit dem Fisch so erzählt haben, dass man darüber schmunzeln muss. Denn auf die Tour verkraftet man auch am besten, dass es heilige Ämter gibt, die selbst täglich noch neu am Lernen sind.“
Soweit die fiktive Erzählung des Jona. Es lohnt sich, seine Geschichte im Alten Testament einmal ganz zu lesen. Es ist ein sehr kleines Buch, aber es zeigt deutlich: Wer im Namen Gottes zu handeln wagt, der muss lernen, dass sich alles, aber auch gar alles, was es gibt, der Barmherzigkeit Gottes verdankt. Deshalb hat aber auch das Umkehren vor Gott nichts Bedrückendes, sondern etwas Befreiendes an sich. So befreiend, dass man – von Gottes Zuvorkommenheit und Liebe bestürzt – eigentlich nur noch über sich selbst lachen kann. Jona hat sein Gottesbild geändert – und so wurde er letztlich nicht zum Unglückspropheten, sondern zum Propheten der Güte und der Liebe Gottes. Amen.

Bertram Bolz, Diakon