Impulse/Predigten

Predigt 32. Sonntag im Jahreskreis – D. Bolz

Predigt zum 32. Sonntag im Jahreskreis 2017 (12.11.)
L I: Weish 6, 12-16 / Ev.: Mt 25, 1-13

Schwestern und Brüder!
„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ Diese Aussage von Michael Gorbatschow ist im Zusammenhang von Perestroika und Glasnost zu einem mehr als geflügelten Wort geworden, das bis auf den heutigen Tag Verwendung findet. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ Diese Erkenntnis gilt aber nicht nur für die große Weltpolitik, nein – wir erfahren sie auch immer wieder in unserem Alltag. Zu spät aus dem Haus gekommen – und schon ist der Bus weg oder der Stau da. Zu lange überlegt ob man kaufen soll – und schon ist das Sonderangebot ausverkauft. Zu spät ans Bezahlen gedacht – schon flattert die Mahnung ins Haus. Erfahrungen, die wir immer wieder machen. Und da frage ich mich: Muss jetzt das Evangelium noch eins drauflegen? Muss diese Alltagserfahrung auch für Gott und meinen Glauben gelten?
Ein anderer Spruch, der uns genauso vertraut ist: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Auch so eine Aussage, die vielen leicht von der Zunge geht. Das hören wir bei Naturkatastrophen, bei schwierigen Momenten in der Politik, aber auch in ganz kritischen Augenblicken unseres persönlichen Lebens. „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Nur, ich glaube, dass dieser Spruch im Gegensatz zum ersten, nicht immer ganz stimmig ist. Fürs nackte Überleben mag er ja noch gelten, aber letztendlich ist er doch ganz stark davon abhängig, worauf sich diese Hoffnung gründet. Und da, so ist meine Befürchtung, stirbt manche Hoffnung mitunter doch recht früh.
Nun erzählt uns aber das heutige Evangelium nicht von irgendeiner Hoffnung, sondern von jener, auf der unser ganzer christlicher Glaube basiert: nämlich der Hoffnung auf das Reich Gottes. Deshalb beginnt das Evangelium ja auch mit den Worten: „Mit dem Himmelreich, also dem Reich Gottes, ist es wie…“Und dann erzählt es von einem Bild; von Jungfrauen, die eine brennende Lampe haben, weil sie auf etwas warten. Sie warten auf die Begegnung mit dem Bräutigam, um mit ihm ein Fest zu feiern.
Das Bild, das dieses Gleichnis verwendet, ist in der biblischen Sprache durchaus sehr vertraut. Eine hochzeitliche Feier, das Kommen des Bräutigams – das ist ein Bild für das Entgegenkommen Gottes, für die erhoffte und ersehnte Zeit des Heils. Es geht hier also um Menschen, die auf die Begegnung mit Gott warten; die darauf warten, dass sie in dieser Begegnung mit ihm Glück, Leben, Heilung und Freude erfahren. Oder anders gesagt: es geht um Menschen, in denen die Hoffnung lebt, dass eines Tages ihr Leben im Reich Gottes verwandelt und vollendet werden wird. Das Licht, das diese Frauen mit sich tragen, soll ihnen diese Hoffnung immer wieder vor Augen führen: Gott wird in mein Leben treten, ich werde ihm begegnen und es wird ein Festtag für mich sein.
Wenn ich mir das so vor Augen führe, dann wäre es schön, wenn ich von dieser Hoffnung für mich sagen könnte: „Sie stirbt zuletzt.“ Es wäre schön, wenn ich sagen könnte: Was immer auch in meinem Leben geschieht, dieses Hoffnungs-Licht in mir wird nie ausgehen. Wie gesagt: es wäre schön – aber so ist das Leben nicht immer, auch nicht das Leben eines Christen. Das Evangelium erzählt uns nämlich nicht nur eine Geschichte von Jungfrauen, von brennenden Lampen und dem Licht, das solange brennt, bis sie Gott begegnen, sondern es erzählt uns auch die Geschichte von verlöschenden Lichtern. Es erzählt uns auch die Geschichte von Menschen, deren Hoffnung, Gott zu begegnen, früh gestorben ist.
Dabei kann ich sehr wohl nachvollziehen, dass sich Christen – vielleicht so-gar unter uns – eher in diesen fünf „törichten“ Jungfrauen wiederfinden als in den klugen. Es könnte sein, dass ich in mir selbst entdecke: Meine Hoffnung auf Gott, auf die Begegnung mit ihm brennt nicht mehr; meine Hoffnung, von
ihm mit Freude und mit einem Fest beschenkt zu werden, ist verloschen – ja vielleicht hat sie sogar gar nie richtig gebrannt. Und wenn es so ist?
Das Evangelium sagt uns, dass dieses Licht, diese Hoffnung auf Gott nicht von selber brennt. Diese Lampe der Hoffnung braucht Nahrung, braucht Öl. Wenn sie das nicht hat, geht sie logischerweise aus. Bleibt also die Frage, was dieses Öl sein kann? Was kann es sein, das meine Hoffnung auf die Begegnung mit Gott zum Brennen bringt und am Brennen hält? Fromm ausgedrückt könnte ich jetzt sagen: Das tägliche Gebet oder die Gottesdienstgemeinschaft mit anderen. Aber eine besondere Antwort fand ich bei den frühen Mönchsvätern: Schau in dein Herz! Welche Hoffnungen sind es denn, die in deinem ganz persönlichen Leben lebendig sind? Schau sie ganz genau an, denn sie sind vielleicht genau die Tropfen Öl, die du brauchst, damit deine Hoffnung nicht erlischt.
Da ist zum Beispiel die bange Hoffnung im Sprechzimmer des Arztes, dass sich eine schlechte medizinische Diagnose doch nicht bewahrheiten möge: Vielleicht hat diese konkrete Hoffnung nach medizinischer Heilung viel tiefere Wurzeln. Vielleicht spüre ich darin auch etwas von der Sehnsucht nach jenem Heil, das nur von Gott kommen kann. Oder da ist die ganz konkrete Hoffnung vieler Eltern, dass aus ihren Kindern doch „etwas werden“ möge. Vielleicht gibt es ja genau darin eine Ahnung von dem, was gelingendes Leben ist. Vielleicht ist darin tief in der Seele etwas von dem verborgen, was wir Vertrauen und „Erlösung“ nennen. Oder nehmen wir die Hoffnung so vieler junger Menschen, Karriere zu machen, angesehen, wohlhabend und reich zu werden. Vielleicht steckt darin ja etwas von dieser tiefen Sehnsucht nach einem Leben, das die Bibel mit dem Bild des Hochzeitsmahles beschreibt.
Verschiedene Hoffnungen – doch vielleicht geht es ja gar nicht immer nur um Hoffnungen, sondern auch um die Ängste. Weisen diese, meine Ängste, vielleicht über sich hinaus auf das, was Gott für mich bereithält? Dann müssten wir uns nicht nur fragen: Was sind unsere Hoffnungen, sondern auch, was unsere Sehnsüchte und Ängste sind… Was bringt Ihr Herz zum Brennen und was meines?
Ich für meinen Teil bin der Ansicht, dass Jesus uns hier den Rat gibt, mit unseren Ängsten, Sehnsüchten und Hoffnungen achtsam umzugehen. Wir sollen sie als etwas Kostbares ansehen, als etwas, was das Licht Ihrer und meiner Hoffnung nähren kann und es brennen lässt. Als Licht einer tief in mir sitzenden Sehnsucht, eines Tages Gott selbst zu begegnen – und bei ihm das Leben in Fülle zu haben. Ähnlich wie bei jener Ordensfrau, von der folgendes erzählt wird:
Als die hochbetagte Schwester fühlt, dass ihre Sterbestunde gekommen ist, da äußert sie gegenüber ihren Mitschwestern: „Wenn ich sterbe, dann gebt mir ins Grab bitte zwei Dinge mit: einen Rosenkranz und einen kleinen Löffel.“ Die Mitschwestern sind erstaunt: „Einen Rosenkranz – ja, das passt! Aber was willst du denn mit einem kleinen Löffel?“ – „Das ist mir ganz wichtig“, beharrt die Ordensfrau, „ denn als ich klein war und bei uns zu Hause der Tisch gedeckt wurde, da lag dann manchmal neben dem Teller und dem übrigen Besteck ein kleiner Löffel und der zeigte uns dann, dass es heute einen Nachtisch gibt. Das war für mich jedes Mal die Verheißung: Das Beste kommt noch! Darum gebt mir bitte einen kleinen Löffel in meine Hand, wenn ich verstorben bin. Denn jetzt gilt doch auch: Das Beste kommt noch!“
Ja, das Beste kommt noch. Weit über alles Vorläufige hinaus, mit dem wir uns oft allzu intensiv beschäftigen. Das Beste kommt noch: Das, worauf alles hinausläuft; das, worin alles sich erfüllt. Das Fest, zu dem Gott uns einlädt und Erfüllung für unser eigenes Leben mit all seinen Widrigkeiten. Nicht „wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“; nicht „die Hoffnung stirbt zuletzt“ – sondern: „Das Beste kommt noch“ – für Sie und für mich! Amen

Bertram Bolz, Diakon