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Predigt 33. Sonntag im Jahreskreis – D. Bolz

Predigt zum 33. Sonntag im Jahreskreis 2017 (19.11.)
L II: 1 Thess 5, 1-6 / Ev.: Mt 25, 14-30

Schwestern und Brüder!
Bei Erste-Hilfe-Kursen kommt es am Anfang häufig zu Diskussionen darüber, ob es denn wirklich sinnvoll ist, einen Verletzten zu versorgen oder doch lieber nicht. Dahinter steckt bei vielen die Angst, mehr falsch als recht zu machen, da man ja nicht weiß, was der Verletzte hat. Übrigens wird das auch als häufigster Grund angegeben, wenn Menschen bei einem Notfall nichts unternommen haben. Ganz nach der Ansicht: „Mach ich nichts, mach ich auch nichts falsch.“ Hand auf’s Herz – wer von uns hat nicht auch schon so gedacht? Dabei sagt jeder Arzt ganz klar: „Sie schaden dem Verletzten am meisten, wenn Sie nichts tun. Also: Helfen Sie und haben Sie keine Angst!“
Ich will jetzt hier keine Werbung für einen Erste-Hilfe-Kurs machen, obwohl das für uns alle vielleicht mal wieder recht sinnvoll sein könnte. Nein, es geht mir einzig und allein um den Satz: „Wenn man nichts tut, kann man auch nichts falsch machen.“ Dieses Motto spielt nämlich auch in dem eben gehörten Gleichnis eine ganz wichtige Rolle; wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Hier spricht Jesus indirekt über seinen Abschied aus dieser Welt und sein Wiederkommen am Ende der Zeiten. Zugegeben: auf den ersten Blick hat das mit dem Erste-Hilfe-Beispiel nicht viel zu tun. In dem Gleichnis dienen vielmehr Macht und Geld als Beispiel. Wenn man dann auch noch überlegt, dass der Geschäftsmann, von dem man hier den Eindruck hat, dass sein Geld sich mehren muss, egal wie – wenn man überlegt, dass dieser Geschäftsmann ein Beispiel für das Verhalten Gottes sein soll, ja dann muss man sich doch fragen: Steht unser Gott für so ein Verhalten? Ist er nur auf Gewinnmaximierung aus, ohne Rücksicht auf menschliche Verluste? Diesen Eindruck könnte man fast gewinnen, wenn man in diesem Gleichnis spürt, wie sehr die Mitarbeiter dazu angehalten sind, seinen Besitz nicht nur zu verwahren, sondern ihn zu vermehren. Und der Eindruck verstärkt sich gar noch, wenn man gesagt bekommt, dass die beiden Diener, die sich als geschickte Finanziers erwiesen und das Vermögen verdoppelt haben, dass diese beiden Diener mit noch wichtigeren Aufgaben belohnt werden sollen. Der dritte Diener aber, der aus Angst vor der Strenge seines Herrn, das ihm anvertraute Geld einzig und allein sicher verwahrt hatte, dieser dritte Diener wird als unnütz angesehen und verstoßen.
Was Jesus hier von sich gibt, ist eine Erkenntnis, die heutzutage fast schon sprichwörtlich ist: Da wo genügend Geld ist, kommt immer noch mehr dazu. Ja, und demjenigen, der nur wenig hat, dem wird auch dieses Wenige noch genommen…. Müssen wir das Evangelium so lesen? Wollte Jesus das wirklich lehren? Ich kann mir das nicht vorstellen. Zumal das Wuchern mit Geld nach jüdischem Recht verboten war und dieses Gleichnis deshalb in den Ohren seiner Zuhörer mehr als anstößig geklungen haben muss. Was also will Jesus mit seinen Worten zum Ausdruck bringen?
Und da komme ich nun auf das Erste-Hilfe-Beispiel zurück. Denn der dritte Diener ist ein Musterbeispiel dafür, wie jemand, der aus lauter Angst etwas falsch zu machen, lieber gar nichts tut. Er fürchtet, dass der Herr ihn bestraft, wenn er mit dem anvertrauten Geld wuchert und es dabei verliert. Deshalb vergräbt er es lieber und gibt es ungenutzt zurück. Verständlich – oder nicht?
Wie viele Situationen gibt es denn, in denen wir ungenutzt Chancen verstreichen lassen, weil wir uns irgendwie nicht trauen? Wie oft schaffen wir es nicht, über unseren eigenen Schatten zu springen? Oder wie gerne würden wir es manchmal tun, und dann macht uns die Angst vor der Konsequenz wieder einen Strich durch die Rechnung.
Genau so ergeht es dem dritten Diener auch. Und selbst wenn er sich nach jüdischem Recht durchaus korrekt verhält, so wird seine Vorsicht am Ende doch nicht belohnt. Denn Jesus fordert mehr Einsatz, mehr Leidenschaft und Mut. Allerdings nicht in Bezug auf Geld und Bankgeschäfte; das dient ihm nur, um seinen Hörerinnen und Hörern ein drastisches und einsichtiges Beispiel vor Augen zu führen.
Das Vermögen von dem Jesus hier spricht, das ist seine Botschaft selbst. Er lässt das Evangelium, die gute Nachricht von der Liebe Gottes und seiner Treue zu uns Menschen, seinem Freundeskreis zurück. Der soll aber diese Botschaft nicht für sich behalten, sondern sie leben und weitergeben. Und was für die Freundinnen und Freunde Jesu damals gilt, das gilt für jede und jeden von uns heute. Wir haben die Aufgabe, das Evangelium zu leben und mit unseren Talenten unter die Menschen zu bringen. Deshalb steht dieses Gleichnis quasi wie ein Schlussakkord am Ende des Matthäusevangeliums. An uns liegt es nun, was wir aus dieser Aufgabe machen: Sowohl als Kirche, wie auch als Einzelne. Jede und jeder von uns soll mit seinen Gaben und Fähigkeiten dazu beitragen, dass von diesem Evangelium möglichst viele Menschen etwas erfahren. Deshalb sollen wir davon reden, in unseren Gottesdiensten, aber auch in unserem Alltag; in Gruppen und Kreisen, unter Kollegen oder bei Freunden, gegenüber Nachbarn oder in der eigenen Familie. Was fasziniert mich am Evangelium? Was bedeutet mir mein Glaube an einen liebenden Gott? Welche Perspektive schenkt er mir für mein ganz persönliches Leben?
Gott hat jeder und jedem von uns ganz unterschiedliche Fähigkeiten geschenkt und genauso unterschiedlich erreicht seine Botschaft eben auch die Menschen durch uns: Die einen erfahren sie im helfenden Gespräch und die anderen in der ganz praktischen Hilfe und Unterstützung; die einen im Zuhören, die anderen im gemeinsamen Klagen, Weinen oder auch Lachen. Für die einen im Wachrütteln oder Vermitteln einer neuen Perspektive – für die anderen im gemeinsamen Gebet miteinander oder füreinander….Alle unsere je eigenen Gaben und Fähigkeiten sind gefragt und niemand von uns wird dabei überfordert. Denn so wie der Geschäftsmann im Gleichnis seinen Dienern so viel anvertraut, wie es ihren Fähigkeiten entspricht, so fordert Jesus auch von seinen Jüngerinnen und Jüngern damals wie heute nicht mehr ein, als sie zu leisten im Stande sind.
Jetzt denken Sie vielleicht: „Ja und was ist das mit dem Heulen und Zähne-knirschen am Ende des Gleichnisses? Das kann einem doch schon wieder Angst machen!“ Ich gebe zu, dass der Bibeltext dazu nichts weiter hergibt. Aber was wäre wohl geschehen, wenn der dritte Diener über seinen Schatten gesprungen, alles Vermögen aufs Spiel gesetzt und verloren hätte? Was hätte Jesus da wohl gesagt? Ich für meinen Teil bin der Überzeugung: er hätte ihn genauso zum Festmahl eingeladen, ihn genauso zuvorkommend behandelt wie die anderen auch. Denn nicht die Tatsache, dass er nichts vorzuweisen hat wurde von Jesus verurteilt, sondern dass er nichts getan hat. Genau das will uns dieses „Gleichnis von den anvertrauten Talenten“ sagen. Gott setzt Hoffnung in uns – in Sie und in mich. Mit dem, was wir an Gaben und Fähigkeiten haben, sollen wir uns für ihn und die Sache vom Reich Gottes einsetzen. Nicht nur ein wenig – nicht ohne Wagnis! Nein: Wuchern ist angesagt und volles Risiko! Die Kraft und den Mut dazu, schenkt er uns. Und im Ernst: Wir können dabei doch nur gewinnen. Wie beim Erste-Hilfe-Kurs! Am meisten schadet es nur dann, wenn wir nichts tun. Amen.

Bertram Bolz, Diakon