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Predigt 5. Fastensonntag – D. Bolz

Texte: L I: Jer 31, 31-34 / Ev: Joh 12, 20-33

Schwestern und Brüder!
Die meisten Menschen haben heutzutage ein Hobby. Ja mitunter wird sogar ein solches Hobby für den oder die Einzelne so wichtig, dass die komplette Freizeit danach ausgerichtet wird. Da wird dann das Fitness-Center oder die Sporthalle, das Gartenhäuschen oder der Musikproberaum zum zweiten Wohnzimmer. Keine Frage: Hobbys sind wichtig und sollen Freude machen, weil sie ja auch einen ganz elementaren Ausgleich zu unserem normalen Alltag darstellen.
Nun sagte aber unlängst jemand zu mir: dass ich mich in der Kirche engagiere, das ist mein Hobby. Da hab ich dann doch gestutzt. Kann Christsein wirklich eine Art Hobby für uns sein? Womöglich nur deshalb, weil unsere Eltern uns mal irgendwann taufen ließen und wir deshalb mehr oder weniger in diese Spur gestellt wurden? Lässt sich unser Christsein auf den Sonntagmorgen oder das Engagement für eine bestimmte Gruppe in der Gemeinde oder einer Veranstaltung wie die Vesperkirche minimieren? Quasi mal kurz fromm sein – und dann hat der Alltag uns wieder?
Das heutige Evangelium lehrt uns etwas anderes. Es ist wohl eine der biblischen Stellen, die uns von Beerdigungen und Trauerfeiern her mehr als vertraut ist. Und das nicht nur, weil sie mit Leiden und Tod zu tun hat, sondern weil sie den Sinn menschlichen Lebens im Sinne der christlichen Botschaft am besten zum Ausdruck bringt. Mit diesem Bild vom Weizenkorn wird nämlich deutlich, dass Christsein eben kein Hobby sein kann und auch nicht sein will. Nein, Christsein hat etwas mit unserer Grundeinstellung zum Leben und zum Tod zu tun. Jesus versucht mit diesem Bild seinem Freundeskreis deutlich zu machen, dass jetzt für alle Tage des Leids und der Trauer bevorstehen. Aber er will sie damit keinesfalls in Hoffnungslosigkeit stürzen, die uns so oft überkommt, wenn wir einen lieben Menschen hergeben müssen. Nein – mit dem den Menschen damals so vertrauten Bild vom Weizenkorn – beschönigt und beschwichtigt Jesus den Tod nicht, sondern er öffnet vielmehr den Blick für etwas ganz Neues. Sicherlich: Vor diesem Neuen steht das Sterben an; und dabei ist das Weizenkorn allein – genau so wie Hermann Hesse es in einem Gedicht formuliert hat: „Du kannst reiten und fahren zu zwein und zu drein; den letzten Schritt aber musst du geh‘n allein.“
Jesus ist sich also der Einsamkeit, die er in der letzten Stunde seines Leidens erfahren wird, sehr wohl bewusst; er weiß um die Verlassenheit im Tod. Genau das aber bleibt auch niemandem von uns erspart und es wird auch niemandem einfach nur abgenommen. Allerdings macht Jesus deutlich: Gerade in der Dunkelheit beginnt das neue Leben. Gerade in der Hoffnungslosigkeit keimt neue Hoffnung auf. Nur wenn das Weizenkorn stirbt, bringt es reiche Frucht. Eine Frucht, die ganz konkrete Namen hat – auch für jede und jeden von uns. Sie heißen: Versöhnung – Freude – Frieden – Leben – Auferstehung.
Ein solches Hoffen beginnt aber nicht erst jenseits unseres irdischen Todes; im Gegenteil – eine solche Hoffnung blüht immer wieder auf. Sie ist da spürbar, wo Menschen sich selber, ihr ganzes Leben, nicht krampfhaft festhalten, nicht ängstlich nur auf sich selbst und darauf bedacht sind, ihren Vorteil und ihr Weiterkommen am besten auszuschöpfen; sondern wo diese Menschen loslassen, wo sie sich selbst, und das was ihnen zu eigen ist, verschenken und mit anderen teilen. Sei es ihre Zeit, ihren Besitz, ihr Leben. Jesus verheimlicht keinesfalls, dass genau ein solches Loslassen, ein solches Teilen wehtun und schmerzen kann. Aber dennoch ist es der einzige Weg der Hoffnung, den Menschen gehen können.
Wie kann nun aber ein solches Loslassen aussehen? Z.B. in dem wir uns ganz gezielt um den annehmen, den wir in unserer unmittelbaren Umgebung als den Schwächeren erleben und ihm so zu seinem Recht und zu Ansehen verhelfen. Ein solches Zeichen der Hoffnung könnte auch sein, auf einen Fremden oder einen Andersdenkenden zuzugehen und das Gespräch mit ihm zu suchen; könnte heißen, eben mal nicht auf das eigene Recht zu be-harren, selbst wenn es eindeutig ist; es könnte heißen, andere zum Zug kommen zu lassen und auf den eigenen Vorteil zu verzichten; könnte heißen, in der Gemeinde nicht immer nur am Alten festhalten zu wollen, weil es schon immer so war, sondern neue Wege zu gehen. Ein solches Zeichen der Hoffnung kann auch sein, meine Zeit mit jemandem zu teilen, der krank und einsam ist; indem ich mit ihm seine Not und Traurigkeit aushalte und mitzutragen versuche und nicht einfach die Augen davor verschließe oder davonlaufe. Und – es könnte am heutigen MISEREOR-Sonntag heißen, sich mit den Menschen in den ärmsten Ländern dieser Erde solidarisch zu zeigen und einen spürbaren finanziellen Beitrag zu dieser Aktion und ihren Projekten zu leisten.
In diesen Tagen vor Ostern geht es in den Texten der Bibel immer wieder um das Geheimnis des Lebens – des Lebens Jesu und damit verbunden auch um unser eigenes Leben. Unserem Leben bleibt ja der Tod in seinen vielfältigen Formen auch nicht erspart. Ganz gleich, welche Namen er nun hat: Trennung, Ende einer Beziehung, Abschied nehmen, Krankheit, Verlassenwerden, Armut und Einsamkeit. Wir können davon ausgehen, dass während wir hier miteinander Gottesdienst feiern, unzählige Menschen welt-weit genau solche Todeserfahrungen machen. Da sucht eine Mutter oder auch ein Vater verzweifelt etwas zum Essen für sich selbst und die Familie; da sitzen total verängstigte Menschen in den Kriegsgebieten dieser Erde in ihren Häusern oder auch den Kellergeschossen und wissen nicht, was die nächsten Minuten bringen werden; da sitzt ein alter Mann einsam an seinem Küchentisch und hat genug vom Leben; da erfährt eine junge Frau von ihrer tödlichen Krankheit und Kinder müssen erleben, wie ihre Eltern sich übelst beschimpfend voneinander trennen.
Das alles sind Todeserfahrungen in unseren Tagen. Doch trotz dieser Erfahrungen menschlichen Leids öffnet Jesus unseren Horizont auf das Leben hin. Er sagt uns: Bei all dem, was Menschen auch erleben, erfahren und erleiden müssen – bei all dem bleibt es am Ende nicht. Es gibt Hoffnung. Und genau diese Hoffnung hat er in seinem eigenen Sterben und in seinem Tod erfahren. Gott hat ihn nicht im Stich gelassen, sondern hat ihn in ein neues, in ein unvergängliches Leben geführt.
Das Zeichen der Hoffnung, dass auch uns dieses Leben geschenkt wird, ist das kleine Stück Brot, in dem Jesus selbst sich nachher jeder und jedem von uns in die Hand legt. In diesem Zeichen sagt er uns: Ich will Dir nahe sein. Ich will Dir Kraft und Hoffnung schenken. Der Weg mit Jesus führt nicht am Tod vorbei, sondern durch ihn hindurch zum neuen Leben. Er ist das Weizenkorn, das in die Erde gelegt wurde und reiche Frucht gebracht hat. Frucht, von der wir leben, Frucht aber auch, die uns verpflichtet und unser Leben groß und weit machen will. So aber können dann auch wir füreinander zu einem Zeichen der Hoffnung und zum Brot werden, das Leben schenkt. Amen.

Bertram Bolz, Diakon