Impulse/Predigten

Predigt Gräberbesuch – D. Bolz

Predigt zum Gräberbesuch 2017
Lesung: Röm14, 7-12

Schwestern und Brüder!
Wir sind heute Nachmittag hier versammelt, weil niemand von uns in seinem Leben von Trauer und Abschied verschont geblieben ist. Wir mussten – teils vielfach schon – Abschiednehmen von Menschen, die zu uns gehörten, die wir geliebt haben oder die uns einfach ans Herz gewachsen waren. Der Umgang mit der Trauer und dem Abschied ist dabei nicht leicht. Es tut weh einen lieben Menschen zu verlieren und ohne einen direkten Kontakt mit ihm weiterleben zu müssen. Manche fragen deshalb oft nach Jahren noch nach dem „Warum?“ – „Warum muss mich dieser frühe Abschied treffen; warum werde ich mit so viel Leid konfrontiert; warum lässt Gott das alles zu?“
Eine alte chinesische Legende erzählt von einer Frau, deren Sohn starb. Sie wusste mit ihrem Kummer nicht mehr ein noch aus und ging deshalb zu einem heiligen Mann und fragte ihn: „Welche Beschwörungen und Gebete kennst du, um meinen Sohn wieder zum Leben zu erwecken?“ Und er antwortete ihr: „Bring mir den Senfsamen aus einem Haus, das niemals Leid kennengelernt hat. Damit werden wir dann den Kummer aus deinem Leben vertreiben.“ Wie schön wäre es, wenn es solch ein Zaubersenfkorn gäbe! Ob die Frau wohl eines gefunden hat? Wahrscheinlich ist sie nicht nur ein-mal abgewiesen worden und hat Sätze gehört wie: „Die soll sich nicht so anstellen; das Leben geht weiter. Andere verlieren auch Menschen, die sie geliebt haben!“ Und andere haben ihr vielleicht irgendwelche Allheilmittel angedreht: Tabletten gegen die Traurigkeit, Tropfen gegen die Bitterkeit oder für das vergessen. Es gibt ja so vieles, was einen für kurze Zeit vergessen lässt und vordergründig Trost spendet.
Aber die Geschichte geht ja noch weiter. Sie erzählt von den Erfahrungen der Frau: Wie sie z.B. an ein prächtiges Haus kam. Dort klopfte sie an und sagte: „Ich suche ein Haus, das niemals Leid erfahren hat. Ist dies der richtige Ort? Es wäre so wichtig für mich!“ Die Bewohner des Hauses aber antworteten ihr nur: „Hier bist du total falsch!“ Und dann erzählten sie von dem Unglück, welches sich jüngst bei ihnen ereignet hatte. Da dachte die Frau bei sich: „Wer wohl kann diese armen, unglücklichen Menschen besser verstehen als ich? Wer kann ihnen besser helfen als ich, die ich selber so tief im Unglück bin?“ Und so blieb sie und tröstete die Familie.
Später, als sie meinte, genug Trost gespendet zu haben, brach sie wieder auf und suchte auf’s Neue ein Haus ohne Leid. Aber wo immer sie sich auch hinwandte, in Hütten oder Palästen, überall begegnete ihr das Leid. Schließlich vergaß sie ganz die Suche nach dem Zauber-Senfkorn, ohne dass ihr das bewusst wurde. Und so verbannte sie mit der Zeit den Schmerz aus ihrem Leben.
Ich glaube, die Frau macht auf ihrer Suche nach diesem Zaubersenfkorn eine zutiefst christliche Erfahrung. Wenn Menschen nämlich miteinander das Leben teilen und aufeinander hören, dann erfahren sie gerade darin oft Trost, Wegweisung, neue Hoffnung und Zuversicht. Wenn sich Menschen von dem erzählen, was sie bewegt, was ihnen zu schaffen macht oder warum sie sich traurig und einsam fühlen, dann entdecken sie oft tragfähige Gemeinschaften, die helfen, das Leben zu bestehen. Ich bin felsenfest da-von überzeugt, dass Menschen, die ihr Leben mit allen Höhen und Tiefen miteinander teilen, dass die Menschen erfahren können, dass in ihrer Mitte Christus selbst gegenwärtig ist. Sie können erfahren, dass er durch alles Dunkle ihres Lebens mitgeht, in aller Angst und Trauer nahe ist. Menschen, die ihre Trauer, ihre Ängste und Zweifel nicht in sich hineinfressen oder ausschweigen, sondern anderen mitteilen, die können so auch erfahren, dass da Leben aufkeimt – neues Leben für sie selbst und eine gelingende Zukunft. Und immer da, wo vom Leben die Rede ist; immer da, wo Leben spürbar ist, da ist immer auch ER spürbar; ER der Tod und Leid überwunden hat und Leben in Fülle schenkt.
Ich glaube fest daran, dass wir IHN allüberall dort erfahren können, wo wir uns einander erzählen, was uns bewegt. Wie oft konnte ich das schon in Gesprächen mit Trauernden spüren; wie oft schon mit Schwerkranken erleben, dass da, wo Menschen sich ihrem Leid und ihrer Krankheit stellen, auch etwas von der Nähe und dem Mitgehen des liebenden Gottes deutlich und erfahrbar wird. Wir alle können solche Erfahrungen machen, in dem wir dem Leid nicht ausweichen und flüchten, sondern uns davon erzählen, was uns beschäftigt, was uns festhält, traurig und vielleicht auch wütend macht, was uns den Atem nimmt und uns ängstigt.
Eine unserer wichtigsten Aufgaben als christliche Gemeinde ist es, dass wir dem Leid und der Krankheit, dem Tod und der Trauer nicht ausweichen, sondern umeinander wissen und füreinander da sind. Wie viele Schwer-kranke erfahren, dass sie niemand mehr besucht. Wie viele Trauernde wer-den dadurch einsam, dass sich alte Freunde und Bekannte mit den Worten davon stehlen: „Die brauchen jetzt ihre Ruhe!“ Wie viele Menschen sind enttäuscht, weil sie mit billigen Durchhalteparolen und Mittelchen abgespeist werden, statt dass ihnen jemand zuhört.
Geben wir Zeugnis von unserem Glauben an den Auferstandenen, indem wir in schwierigen Situationen unserer Mitmenschen nicht kneifen, sondern gerade den Menschen zuvorkommend begegnen, die mit Tod und Leid, Dunkel und Angst, Trauer und Krankheit konfrontiert werden. Und: Leben wir aus der Hoffnung, dass jedes Grab, an dem wir nachher stehen werden, nicht ein Zeichen für das Ende ist, sondern Ort, an dem wir das irdische Leben unserer Verstorbenen bestattet haben, das aber verwandelt und vollendet bei Gott zum Leben in Fülle geworden ist. Amen.
Bertram Bolz, Diakon