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Predigt Ostern – D. Bolz

Liebe in Festfreude versammelte Schwestern und Brüder!
Auf die Frage, welches das größere Fest in der Kirche sei – Weihnachten oder Ostern – antworten Kinder in aller Regel ganz spontan: Weihnachten! Und ich sage mir: Wer von uns kann es ihnen verdenken. Weihnachten, das ist nicht nur vom äußeren Flair her emotionaler, sondern da gibt es ein Geschehen, das für uns alle nachvollziehbar und vertraut ist. Die Geburt eines kleinen Kindes. Eine Geburt ist i.a.R. aber immer ein schöner Moment und wenn sie dann noch unter so widrigen Umständen über die Bühne geht wie damals in Bethlehem, dann berührt uns das zutiefst! Aber Ostern? Da stirbt einer und wird auferweckt. Gott greift ein und eröffnet neues Leben – das alles ist für uns so unfassbar, dass es eben auch nur schwer nachvollziehbar ist!
Wie also kann es uns gelingen, Ostern so zu verstehen, dass dieses Fest tatsächlich Freude und Begeisterung in uns auslöst? Und da sind mir in diesem Jahr Steine in den Sinn gekommen. Hier vorne habe ich symbolisch ein paar bei der Osterkerze aufgeschichtet. Vielleicht wundern Sie sich ja darüber, aber diese Steine können uns etwas von dem deutlich machen, was an Ostern geschehen ist. Und vor allem: Was durch Ostern auch heute noch geschehen soll. Denn diese Steine haben etwas mit jenem Stein zu tun, der das Grab Jesu verschlossen hat.
Im Evangelium haben wir von den Frauen gehört, die sich auf den Weg machen, um Jesus den letzten Dienst zu erweisen, seinen Leib einzubalsamieren. Ihnen ist bewusst: Die Zeit mit Jesus ist vorbei; die Machthaber – sowohl die religiösen als auch die politischen – haben sich durchgesetzt, der Tod hat gewonnen. Deshalb quält sie also nicht so sehr die Frage des Wieso und Warum auf dem Weg zum Grab, sondern die ganz praktische Frage: Wer rollt den Stein beiseite, der die Graböffnung verschließt? Ein Stein, weit größer als unsere Steine hier. Man hatte ihn vors Grab gerollt, weil er verhindern sollte, dass irgendjemand die Totenruhe stört. Oder man könnte auch sagen: So ein Steinbrocken soll den Tod vom Leben abtrennen. Tod ist Tod. Es ist noch keiner zurückgekommen – so lautet eine uns vertraute Redewendung.
Den Stein, den ich hier in der Hand habe, der ist so klein, dass ihn keiner wegzurollen braucht. Ich kann ihn einfach zur Seite legen. Wenn ich ihn allerdings in der Hand fühle, dann spüre ich: Er ist hart und kalt – und: Er erinnert mich an andere Steine, große und schwere. Steine, die ich mir nicht selbst genommen habe und die ich auch nicht so ohne weiteres weglegen kann. Ich spreche von Steinen in meinem ganz persönlichen Leben. Die können ja manchmal auch wie Grabsteine sein: Sie sperren ein, sie verschließen; lassen kein Licht und auch kein Leben hinein.
Manchmal sind diese Steine wie eine Last, die ich mit mir herumtrage, die mir zu schaffen macht, die mir mitunter fast die Luft abdrückt. Da kann es dann helfen, dem Stein einen Namen zu geben, um ihn mir bewusster zu machen. Das kann der Name eines Menschen sein, der mir das Leben schwer macht; von jemandem, dem ich nichts, aber auch gar nichts gut genug machen kann. Es kann aber auch der Name eines Menschen sein, dessen schweres Schicksal mich nachdenklich stimmt, weshalb ich ihn ständig in meinen Gedanken mit mir herumtrage. Ein Stein der mir zu schaffen macht kann auch den Namen eines Ortes tragen, an dem mir Schlimmes widerfahren ist; jedes Mal, wenn ich in dessen Nähe komme, fällt mir dieselbe schlimme Erinnerung ein. Der Stein kann aber auch nach einem Problem benannt sein, mit dem ich einfach nicht fertig werde und das ich deshalb dauernd als schwere Last mit mir herumschleppe. Mein Stein kann den Namen eines großen Fehlers tragen, den ich gemacht habe – und nun weiß ich nicht, wie es weitergehen soll. Spüren Sie, wie so ein Stein viele Namen tragen und noch weit mehr Geschichten erzählen kann? Und wenn Sie jetzt über Ihr Leben nachdenken, dann können Sie dem Stein, der da evtl. auf Ihnen und Ihrem Leben lastet, auch einen Namen geben. Nehmen wir uns für einen Moment die Zeit, den ein oder anderen Stein in uns zu ergründen und zu fühlen!
So ein Stein sperrt ein, belastet, lässt stolpern, macht das Leben schwer. Und genau da berühren nun unsere Erfahrungen die Erfahrungen der Frauen auf dem Weg zum Grab Jesu. Sie müssen sich eingestehen: Gegen diesen Stein kommen wir nicht an. Es ist der Stein der Trauer darüber, dass nun diese Zeit mit Jesus zu Ende ist; dass es Vergangenheit ist, was sie mit ihm in all den Jahren gesehen und gehört haben. Wie viel Hoffnung sie mit Jesus und seinen Worten und Taten verknüpft haben? Und das ist nach dem Karfreitag alles vorbei. Auf grausame und menschenverachtende Weise hat man ihren Herrn und Meister, ihren Freund und Weggefährten aus der Welt geschafft. Erledigt und begraben hinter einem gewaltigen Stein.
Wer kommt gegen solch riesigen Steinbrocken der inneren Leere und der Sinnlosigkeit an? Wer kann solche riesigen Steinbrocken wegwälzen? Mit solchen Gedanken unterwegs sind sie überrascht und erschrocken als am Grab der Stein weggewälzt ist. Noch wissen sie nichts von der Auferstehung Jesu. Sie wissen nichts von dem neuen Leben – aber der Stein ist weg. Und genau damit hat Ostern angefangen. Einer hat den Stein weggeräumt; einer hat dem Leben Luft gemacht; einer hat in den Tod eingegriffen, hat die Totenruhe gestört und Leben in die Dunkelheit gebracht. Gott selbst war es, der Jesus aus dem Grab herausgerufen hat, ins Licht, ins neue Leben. Selbst der große Steinbrocken hat das nicht verhindern können.
Das ist die Botschaft von Ostern: Nichts kann verhindern, dass Gott den Tod besiegt. Nichts kann verhindern, dass durch ihn neues Leben wird und dass Leben durch ihn neu wird! Auch nicht unsere Steine, die uns auf der Seele liegen oder im Magen oder die den größten Platz in unserem Herzen eingenommen haben. Ostern räumt auf mit den Grabsteinen unseres Lebens. Gott bringt Licht und Leben in unsere Grabkammern und ruft uns heraus zu einem neuen Leben. Dieses Fest fängt an mit weggerollten Steinen. Gott bewegt, was unbeweglich erscheint. Gott belebt, was versteinert ist. Also lassen wir ihn doch bitte Hand anlegen an die Steine, die uns belasten und an die Gräber, die uns einschließen.
Ostern heißt: Gott nimmt den Stein, dem wir einen Namen gegeben haben. Wir brauchen ihn nicht zu behalten, brauchen ihn nicht länger mit uns herumzutragen. Deshalb lege ich jetzt diesen Stein an der Osterkerze ab und ich lade Sie ein, dass auch Sie still in Ihrem Herzen all Ihre Steine hier ablegen, alles was Ihnen Sorgen macht und was wie ein Stein auf Ihnen lastet. Wir können und wir dürfen sicher sein: Gott nimmt wahr, was in Ihren und in meinem Herzen vor sich geht. Und weil Ostern das Fest des Lebens ist können wir sicher sein, dass Gott alles von uns nehmen will, was uns genau daran hindert, dieses Leben „in Fülle“ zu spüren. Lassen wir es zu, dass er unsere Steine entfernt; atmen wir auf – denn es ist Ostern! Das Fest der Auferstehung – zum Leben hier und zum Leben nach dem Tod! Amen.

Bertram Bolz, Diakon