Predigt vom 14. Sonntag im Jahreskreis

Predigt zum 14. Sonntag im Jahreskreis 2017 (09.07.)
Lesung: Sach 9, 9f / Evangelium: Mt 11, 25-30

Schwestern und Brüder!
Wer von uns hat nicht „sein Päckchen“ zu tragen? Sei das nun die Last der Verantwortung und Entscheidung oder auch die einer Enttäuschung; sei es die Last einer Krankheit oder seien es die Gebrechen des Alters; sei es die Last der Einsamkeit, die Menschen oft niederdrückt oder die Last des Gefühls: „Ich kann nicht mehr“. Sei es einerseits die Last der Arbeit oder andererseits die der beruflichen Perspektivlosigkeit; sei es die Last der Sorge um die Zukunft der Kinder oder auch um die eigene Zukunft in Bezug auf Partnerschaft, Gesellschaft, Beruf und Gesundheit. Lasten, soweit das Auge reicht; es scheint wahrlich für jede und jeden von uns diesbezüglich keinerlei Mangel zu herrschen. Vielleicht ertappen wir uns ja deshalb öfter dabei, dass wir sagen: Jetzt dachte ich, es wird mal etwas ruhiger, etwas entspannter – und dann das… Gerade aus solchen Gedanken und Gefühlen heraus tut natürlich ein Satz, wie wir ihn eben im Evangelium gehört haben, unsagbar gut: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt; ich werde euch Ruhe verschaffen.“
Klingt wirklich toll und verlockend – aber: Stimmt das denn auch? Werden wir unsere Lasten bei Jesus wirklich los? Kann er uns in all dem, was uns umtreibt, tatsächlich Ruhe und Halt verschaffen? Jesus sagt: „Mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht!“ Nur – manche werden auch in aller Deutlichkeit sagen: Von wegen! In der Kirche habe ich doch erst so manche Last aufgezwungen bekommen. Wie heißt es da: ‚Du sollst’, ‚Du musst’, ‚Du darfst nicht’, ‚Wehe wenn…’ Und weil dem tatsächlich oft so ist, deshalb empfinden viele, vielleicht auch der ein oder die andere unter uns, das Christentum als eine Ansammlung von Geboten und Verboten, von Forderungen und Erwartungen. Für sie hat unser Glaube nichts, aber auch überhaupt nichts Befreiendes an sich. Wie aber soll man so Ruhe finden? Wie kann man da behaupten, dass die Last leicht sei?
Vielleicht halten Sie es ja für überzogen, was ich hier jetzt geschildert habe – vielleicht aber haben Sie es genauso erlebt oder erleben dies – leider Gottes – teilweise bis auf den heutigen Tag so. Dabei muss uns klar sein, dass Jesus diese Worte gar nicht gebraucht hätte, wenn es „nur“ darum ginge, sich an die Gebote des Mose zu erinnern oder die Verpflichtung der Nächstenliebe einzuhalten. Das wussten die Menschen auch schon vor seinem Auftreten. Also muss seine Botschaft eine andere Intention haben; etwas, das wirklich von unseren Lasten befreit. Und dieses wirklich Neue, das Jesus gebracht hat, das hat ein jüdischer Gelehrter einmal mit folgenden Worten ausgedrückt: „Jesus hat uns gelehrt, dass wir auch mit ungekämmten Haaren vor Gott hintreten dürfen“. Ungekämmte Haare aber meint in diesem Sinne nichts anderes als, so wie wir sind. Eben alles andere als perfekt, mit unseren Macken und Fehlern, mit unseren kleinen Bosheiten, unserer Sturheit, unserem Leichtsinn, unserer Engstirnigkeit und unserem oft schlechten Gewissen. Ja, wir gelten bei Gott etwas – genau so wie wir sind.
Dass dies nicht einfach nur eine Behauptung ist bzw. wir hier vielleicht einer falschen Deutung aufsitzen würden, das belegt für mich der Satz, der für mich der Schlüssel zu einem besseren Verständnis des heutigen Evangeliums ist: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir: denn ich bin gütig und von Herzen demütig.“ Das Wort Demut ruft ja bei vielen von uns zwiespältige Gefühle hervor. Wobei das Wort gerade das nicht meint, was wir oft damit verbinden – nämlich eine falsche Bescheidenheit oder eine Haltung, bei der wir uns selbst erniedrigen und klein von uns denken. Demütig sein bedeutet vielmehr die Realität seiner Person wahrzunehmen, nicht in wunderbare Illusionen und Idealvorstellungen von sich selbst abzuheben, sondern vielmehr auf den Boden seiner selbst zu kommen. Und dazu gehören eben auch unsere Schattenseiten; dazu gehören die Grenzen und Armseligkeiten, all das, was uns eben oft unangenehm ist und was wir deshalb am liebsten vor anderen verbergen möchten. So gesehen aber befähigt uns die Demut dazu, uns selbst zu erkennen und anzuschauen und uns dennoch nicht davon erdrücken zu lassen.
Die Demut, wie wir von Jesus lernen sollen, die lädt uns ein, uns genau dieser, unserer Unvollkommenheit bewusst zu werden. Ja, es ist letztlich das Eingeständnis dessen, das wir eben nicht alles aus uns selbst können, sondern Gott brauchen. Eine solche Demut bewahrt uns davor, uns selbst für Götter zu halten und wer sich so seinen Schattenseiten stellt, der erfährt auch, dass die heute oft gängigen Vorstellungen vom unbegrenzten Wachstum der eigenen Persönlichkeit bis hin zur Vollkommenheit nichts anderes als Illusionen sind. Unser Leben wird immer bruchstückhaft sein aufgrund unsrer Schuld und unseres Versagens, wie auch aufgrund der uns zugefügten Verletzungen und Verluste, die wir erleiden mussten. Diese Tatsache zu überspielen oder zu leugnen, kostet mindestens ebenso viel Energie, wie sich ihr – zwar schmerzhaft, aber letztlich doch befreiend – zu stellen. Der Druck, den wir uns oft selbst machen, um möglichst perfekt vor allem vor anderen da zustehen, ist ein schweres Joch. Um wie viel wäre es leichter, wenn wir sein könnten wie wir sind: einander ohne Masken begegnen, einander die eigene Bedürftigkeit zeigen und eingestehen. Wäre es nicht ein leichtes Joch, wenn wir uns nicht kleiner oder größer machen müssten als wir sind, und wäre es nicht wahrhaft im Sinne Jesu – also christlich – wenn wir in unseren Gemeinden und Gemeinschaften eine „Kultur der Fehlerfreundlichkeit“ einüben könnten?
Lassen Sie mich noch einen zweiten Grund nennen, warum Jesus sagen kann, dass sein Joch leicht sei. Er stellt ja sein Joch dem der Pharisäer gegenüber, die aus den einstmals zehn Geboten genau 613 Gesetzesvorschriften und Auflagen entwickelt haben, die den Menschen das Leben schwer machen. Und in unserer Kirche laufen wir Gefahr, dass wir uns auf das gleiche Glatteis begeben. Denn aus der von Jesus propagierten Gottes- und Nächstenliebe, verbunden mit der Liebe zu sich selbst, ist ein kirchliches Gesetzeswerk mit 1752 Canones geworden. Dabei frage ich mich: Wer nur noch auf die Erfüllung der vielen Normen aus ist und glaubt, dies alles aus eigener Anstrengung heraus für Gott bewerkstelligen zu können – ja braucht ein solcher Mensch am Ende Gott überhaupt noch? Kann ein solcher Mensch auch nur erahnen was es heißt, aus dem geschenkten Wohlwollen Gottes, aus seiner Gnade und Liebe heraus zu leben?
Kann ein solcher Mensch erspüren, wenn Gott ihm sagen will:
– Auch wenn du noch so sehr versagt hast und dich zu Tode schämst – ich werde dich nicht verachten!
– Auch wenn alle anderen mit dem Finger auf dich zeigen – vor mir musst du dich nicht verstecken!
– Selbst wenn du dir noch so unnütz und überflüssig vorkommst – für mich bist du wichtig!
Nur wenn wir uns in die Demut einüben, die Jesus uns hier lehrt, werden wir unsere eigene Lebensgeschichte mit all ihren Schattenseiten als eine Geschichte Gottes mit uns begreifen. All die Lasten, von denen am Anfang die Rede war, die werden dann zwar nicht verschwunden sein, aber in meinen Augen lassen sie sich wesentlich leichter tragen. Amen.

Bertram Bolz, Diakon