Impulse/Predigten

Predigt zum 23. Sonntag im Jahreskreis (10.09.2017)

Texte: L I: Ez 33, 7-9 / Ev.: Mt 18, 15-20

Schwestern und Brüder!
Wer sich im Fußball ein klein wenig auskennt weiß, man muss bestimmte Regeln einhalten, damit ein Spiel fair über die Bühne geht. Unter anderem gibt es deshalb auch gelbe und rote Karten. Wer sich also nicht an die verbindlichen Regeln hält oder einen Mitspieler allzu grob und unsportlich attackiert, der wird vom Schiedsrichter mit einer gelben Karte ermahnt oder mit einer roten Karte des Feldes verwiesen. Jeder Spieler aber, der im Spiel schon eine gelbe Karte gesehen hat, weiß was ihm blüht, wenn er sich noch einmal daneben benimmt. Denn wer zweimal gelb sieht, der sieht „rot“, und für jeden der rot sieht, ist das Spiel eben nun mal vorzeitig beendet.
Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Bin ich hier bei einem Kurs über Fußball oder im Gottesdienst? Was – bitte schön – haben denn all diese gelb-roten Kartenüberlegungen mit dem heutigen Evangelium zu tun? Dabei geht mir durch den Kopf: Könnte man bei dem, was Matthäus hier von sich gibt, nicht auf die Idee kommen, dass dies einer Art Anleitung zum Verteilen von gelben bzw. roten Karten innerhalb der christlichen Gemeinde gleichkommt? Wie war das noch mal: „Wenn dein Bruder – und wir dürfen die Schwester hier ruhig ergänzen – sündigt, dann gehe hin und weise sie oder ihn unter vier Augen zurecht.“ Mit anderen Worten: Zeig ihm oder ihr die gelbe Karte. Mach diese Person darauf aufmerksam, dass ihr Verhalten so nicht in Ordnung ist. In der kirchlichen Tradition nannte man das die sogenannte „correctio fraterna“, also die brüderliche oder sagen wir besser: geschwisterliche Zurechtweisung. Und Matthäus schildert dann sehr genau, wie diese vor sich gehen sollte.
Zunächst einmal ist da das Gespräch unter vier Augen zu suchen. Ein Ratschlag, den wir durchaus beherzigen. Nur – liegt der kleine, aber überaus feine Unterschied bei uns oft darin, dass keines der vier Augen der oder dem Betroffenen gehört. Wir reden – Hand aufs Herz – viel lieber über jemanden, anstatt mit ihm. Genau das aber kann nicht Sinn und Zweck der Sache sein. Genauso wenig ist mit diesem Hinweis gemeint, dass wir uns auf den Standpunkt stellen sollen: Der oder die andere sei doch alt oder erwachsen genug; sprich: die müssen doch selbst wissen was sie tun. Beide Verhaltensweisen aber führen letztlich nur dazu, eben nicht mit dem oder der Betreffenden ins Gespräch zu kommen. Wir halten uns also fein raus – schließlich will sich niemand gerne die sprichwörtlichen „Finger“ verbrennen.
Genau das aber ist mit der geschwisterlichen Zurechtweisung nicht gemeint. Gott sagt, so haben wir es auch in der Lesung gehört: „Wenn du den Schuldigen nicht warnst, dann fordere ich von Dir Rechenschaft darüber.“ Fakt ist also: Jede und jeder von uns muss für sein Verhalten gerade stehen, da führt kein Weg dran vorbei. Was aber in unserem Glauben noch hinzukommt ist die Aufgabe und Pflicht, eben auch der Schwester oder dem Bruder den rechten Weg zu weisen, sie im wahrsten Sinne des Wortes „zurecht-zu-weisen“ – und das meine ich, ist uns so oft überhaupt nicht bewusst.
Doch Vorsicht: Wenn Jesus sagt: „Geh zu deinem Bruder hin!“ damit meint er damit eben auch: Kanzel ihn nicht von oben herab ab, brich nicht den Stab über ihn oder ihr, sondern weise unter vier Augen zu recht! Mich erinnert dieser Ratschlag Jesu an das, was in der Gesprächsführung mit einem „Feedback“ gemeint ist; nämlich die kritische Rückmeldung, die man sich von anderen erbittet bzw. die man von anderen bekommt. Und ein solch ehrlich gemeintes Feedback kann durchaus Gold wert sein. Denn es gibt mir persönlich die Gelegenheit, mein Verhalten zu überdenken und es ggf. zu korrigieren.
Wenn wir mal darauf schauen, wie wir selbst oft kritisieren oder auch auf die Kritik anderer reagieren, wird uns das vielleicht ein wenig bewusster. Wenn mir jemand von oben herab sagt: „Das müsstest du doch wissen…“ also belehrend, besserwisserisch oder gar moralisierend, dann bewirkt das bei mir überhaupt nichts; höchstens, dass ich auf den Kritiker sauer bin. Anders fühle ich mich aber, wenn mir jemand unter vier Augen sagt: „Du, horch mal, mir ist da aufgefallen…“ oder auch „Es fällt mir schwer, Dir das zu sagen…“. In solchen Worten spüre und erkenne ich eine liebevolle Sorge um meine Person und ich habe die Freiheit, mich zu ändern. Und genau darauf kommt es doch an: Auf die liebevolle Sorge gegenüber dem anderen und die Freiheit, die ich ihm dabei lasse.
Solch eine geschwisterliche Zurechtweisung ist für ein gutes Zusammenleben in Beruf und Familie, in Kirche und Gesellschaft unverzichtbar. Offen und ehrlich miteinander zu reden, dazu lädt uns der erste Teil des Evangeliums ein. Doch was kommt dann? „Hört er auf dich“ so heißt es weiter, „hast du den Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm ein oder zwei Männer mit…Hört er auch auf sie nicht, dann sage es der Gemeinde. Hört er auch darauf nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.“ Ja um Himmelswillen: Darf man so miteinander umgehen? Sind das die Spielregeln einer christlichen Gemeinschaft? Und ist dann nicht all das vorher Gesagte für die Katz?
Matthäus hat Jesus hier Worte in den Mund gelegt, die wirklich drastisch und wenig barmherzig oder gar versöhnlich klingen. Wer Jesus nur oberflächlich kennt, für den könnten sich seine Worte auch anhören wie: „Wenn alles nichts nutzt, dann schmeiße ihn halt aus dem Haus und brich alle Kontakte ab.“ Im Laufe der Kirchengeschichte wurde deshalb genau dieser Satz auch zum Beleg dafür, dass man Menschen aus der Gemeinschaft der Kirche ganz bewusst ausgeschlossen hat. Was anfänglich vielleicht noch der unausweichliche Härtefall zur Wahrung der eigenen kirchlichen Identität war, das wurde mit der Zeit mehr und mehr zur Kampfformel gegen alle Kritiker und Querdenker in der Kirche. Erst das II. Vatikanum und das neue Kirchenrecht haben mit dieser Praxis Schluss gemacht. Hier wurde der biblische Gedanke der Communio, der Gemeinschaft aller Glaubenden in den Vordergrund gestellt. Und das ist auch richtig so. Denn Communio – Gemeinschaft – setzt doch immer Kommunikation, Verständigung, Gespräch und Dialog voraus. Oder anders gesagt: Kommunion braucht Kommunikation und nicht Exkommunikation.
Mit diesem Communio-Gedanken im Kopf, lese ich aber die Worte Jesu im heutigen Evangelium anders. Nicht als Ausschluss und auch nicht als Dialogbruch. Schließlich hat er sich doch selbst Zeit seines Lebens für Zöllner, Sünder und Heiden eingesetzt; ist ihnen nachgelaufen, um sie in die Gemeinschaft zurückzuholen oder sie neu aufzunehmen. All diesen sogenannten „schwarzen Schafen“ der Gesellschaft galt doch seine ganz besondere Zuneigung und Liebe. Könnte es deshalb nicht sein, dass er uns mit der Aussage: „Der sei für dich wie ein Heide oder ein Zöllner“, eben keinen Ausschluss des Betreffenden nahe legen will, sondern vielmehr eine noch liebevollere Sorge und ein barmherzigeres Kümmern um diese Person?
Mir ist jedenfalls mit diesem Evangelium deutlich geworden: Jesus ermutigt uns zum offenen Dialog. Er selbst hat sich nie gescheut, dem ein oder anderen Zeitgenossen mal die gelbe Karte zu zeigen – wie z.B. letzten Sonntag dem Petrus, als er ihm sagte: Weg von mir! Doch eines ist auch klar: Einen Platzverweis im Sinne eines Ausschlusses, den hat es bei Jesus nie gegeben. Und genau das müsste auch für uns Grund genug sein, in unseren Familien, im Zusammensein mit anderen, in unserer Kirche und der Politik niemandem vorschnell die gelbe oder gar die rote Karte unter die Nase zu halten – auch nicht in Zeiten des Wahlkampfes. Amen!

Fürbitten:
Herr, Jesus Christus, du hast verheißen: „Alles, was zwei von euch gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.“ In deinem Namen versammelt bitten wir dich:

Beten wir für alle, die sich in der Kraft des Heiligen Geistes dafür ein-setzen, dass das Leben in unseren Gemeinden und Gemeinschaften gelingt und für alle, die daran arbeiten, Konflikte und Auseinandersetzungen zwischen Menschen zu überwinden. Christus, höre uns.

Beten wir für alle, die sich von der Freiheit der Kinder Gottes überfordert fühlen und Halt in starren Gesetzen suchen; für alle, die in Kirche und Politik Verantwortung für ein geordnetes Leben tragen. Christus, höre uns.

Beten wir für alle, die bei den Naturkatastrophen der vergangenen Tage Angehörige oder auch ihr Hab und Gut verloren haben – bei den Überschwemmungen in Asien, den Hurrikans in der Karibik und dem Süden der USA, sowie beim Erdbeben in Mexiko. Christus, höre uns.

Beten wir für Papst Franziskus auf seinem Friedensweg in Kolumbien und für alle, die sich mit ihm für eine menschliche und barmherzige Kirche einsetzen. Christus, höre uns.

Beten wir für unsere Verstorbenen – heute ganz besonders für Margarete Brehm aus Heumaden – aber auch für alle Verstorbenen, die keine Angehörigen haben und an die niemand mehr denkt. Christus, höre uns.

Du, Herr Jesus Christus, hältst die Gemeinschaft der Kirche und der Menschen zusammen. Du kannst Unlösbares lösen. Dir vertrauen wir uns an – heute und in der Ewigkeit. Amen.

Bertram Bolz, Diakon