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Weihnachtspredigt – D. Bolz

Predigt an Weihnachten 2017
Lesung: Jes 52, 7-10 / Evangelium: Joh 1, 1-5.9-14

In Festfreude versammelte Schwestern und Brüder!
Über zwei Umfrageergebnisse möchte ich Sie zu Beginn meiner Gedanken informieren. Die eine, durchgeführt mit mehr als 700 Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren ergab, dass etwas mehr als jedes 3. Kind den Grund für das Weihnachtsfest nicht mehr kennt. Als Antworten kamen u.a. Aussagen wie: „Wir feiern Weihnachten weil es Winter ist“ oder „den Geburtstag vom Coca-Cola Weihnachtsmann“. Immerhin knapp 15% – man höre und staune – waren mit der Vermutung, dass das Ganze irgendetwas mit Jesus Christus zu tun hat, dem Fest wenigstens ansatzweise auf der Spur. Die zweite Um-frage bei Erwachsenen beschäftigte sich mit dem, was Menschen sich am Weihnachtsfest wünschen. Da standen ganz oben auf der Hitliste die Begriffe: „Ruhe, familiäre Harmonie, Besinnlichkeit, Frieden!“ Und weshalb? Weil das etwas ist, was die Leute in ihrem Alltag nicht mehr finden.
Wenn ich mir diese Umfrageergebnisse so anschaue und mir dazu so manches Gespräch der letzten Wochen vor Augen führe, dann frage ich mich: Wie kann es trotz all dieser unterschiedlichen Kenntnisse und Sichtweisen bei uns und in uns Weihnachten werden? Da haben wir heute Nacht wieder die anrührende Geschichte von der Geburt Jesu gehört und soeben das Evangelium vom Wort, das von Anfang an war und vom Licht, das die Welt erleuchten soll. Aber reicht das aus, um ein Gefühl von Weihnachten in uns zu erzeugen? Hieß es nicht in diesem Evangelium vorhin auch, dass ER in sein Eigentum kam, aber die Seinen ihn nicht aufnahmen? Was also ist notwendig, damit es Weihnachten für uns werden kann und wir ihn aufnehmen? Ich will Sie jetzt nicht mit frommen Seifenblasen oder banalen Allgemeinplätzen behelligen. Nein – ich denke, wir müssen uns Weihnachten ganz langsam nähern. Oder lassen Sie es mich mit einem Bild sagen: Weihnachten ist für viele heutzutage wie eine alte Uhr, die man geerbt hat. Sie hängt zwar an der Wand, aber sie tickt nicht mehr. Man hat sie ja auch schon lange nicht mehr aufgezogen. Manche tragen sich vielleicht sogar mit dem Gedanken, sie ganz abzuhängen: Was, du gehst in die Kirche? Was willst du denn da?
Jetzt sind Sie aber heute Vormittag hier und deshalb möchte ich den Versuch starten, mit Ihnen diese alte Uhr mal wieder aufzuziehen um dabei vielleicht auch festzustellen: Das Ding funktioniert noch. Versuchen wir es also und erinnern wir uns mal an die ganz einfachen Dinge des Glaubens. Dabei möchte ich ihnen gerne drei Schritte vorschlagen. Der erste Schritt lautet: Damit es Weihnachten bei uns werden kann, gehen wir davon aus, dass es Gott gibt und zermattern uns nicht ständig den Kopf mit der Frage: Gibt es ihn überhaupt? Sicherlich: Manche von uns sind noch in dem Glauben groß geworden, dass der Donner bei einem Gewitter mit Gott zu tun hat. Heute aber, da scheint alles machbar, erkennbar und erklärbar zu sein. Und trotzdem: Auf die wesentlichen, wichtigen Fragen gibt uns keine Wissenschaft eine Antwort: Warum lebe ich überhaupt? Wer bin ich? Woran kann ich mich festhalten?
Sicherlich, die Relativitätstheorie kann mir vielleicht erklären, wie so manches funktioniert, so dass ich die Welt und ihre Zusammenhänge besser verstehen kann. Aber sie kann mich eben nicht in den Arm nehmen, wenn’s mir schlecht geht; sie kann mich nicht trösten, weder im Leben noch im Sterben. „Religio“ heißt Anbindung und ich spüre doch tagtäglich, wie notwendig es für mich ist, dass ich mich irgendwo festmache und angebunden weiß, dass ich etwas habe, woran ich mein Leben dann ausrichten kann.
Und wie komme ich nun zu Glauben und zur Religion? Ich bin davon überzeugt, dass der erste Schritt der ist, den mein Herz geht. Und wenn wir jetzt an Weihnachten etwas erkennen wollen, dann doch nur so, dass ich den ersten Schritt eben nicht mit dem Verstand mache, sondern mit den Augen meines Herzens. Und diese Augen des Herzens entdecken im Kind von Bethlehem den Gott, der auf Tuchfühlung mit uns geht. Den Gott, der sich klein macht und einer von uns wird. Der all das erlebt und erleidet, was sich heute Menschen oft gegenseitig antun. Ja, Gott wird einer von uns; er begibt sich auf Augenhöhe zu uns, und schenkt uns damit eine Würde, die uns durch nichts und niemanden genommen werden kann.
Der zweite Schritt wäre jetzt, dass ich mich frage: Was würde es mir denn helfen, wenn es irgendwo einen Gott gäbe und ich nur dieses Wissen darum hätte, dass es ihn gibt? Viele Menschen sagen ja: „Irgendetwas wird es schon geben; irgendein höheres Wesen.“ Aber entscheidend ist doch, ob dieses höhere Wesen etwas mit mir zu tun haben will. Und genau darum geht es in der Bibel. Die Bibel erklärt nicht, sie erzählt. „Euch ist der Heiland geboren!“ Da höre ich heraus, dass auch ich gemeint bin. Es kann doch niemand ernsthaft glauben, dass es das Eigentliche von Weihnachten sei, dass wir uns an eine Begebenheit von vor 2000 Jahren erinnern, als ein paar einfache Leute auf dem Feld eine Lichterscheinung hatten. Nein, es geht darum, dass uns ein Licht aufgeht – Ihnen und mir. Wir kommen auch in dieser Geschichte vor. Unser christlicher Glaube meint nicht, dass es irgendwo einen heruntergekommenen Gott gibt, sondern es ist der Glaube an einen Gott, der mich persönlich berührt: DU bist gemeint, zu Dir will ich kommen!!!
Die Wirklichkeit Gottes für möglich zu halten – der erste Schritt; mir sagen lassen, dass ich selbst gemeint bin, der zweite. Und der Dritte? Es kommt darauf an, sich den Glauben zu bewahren, damit ich ihn im Alltag nicht wie-der verliere. Wie oft hab ich das Gefühl, dass das Weihnachtslicht, welches sich in manchen Menschen während der Gottesdienste entzündet, schon beim Hinausgehen ganz arg ins Flackern gerät. Für mich ist das ein Bild für unsere Lebenswirklichkeit: Wie soll man denn den Glauben durchhalten, da draußen, wo einem der Wind so gewaltig ins Gesicht bläst. Wie kann Weihnachten weiter leuchten – auch ins neue Jahr hinein? Und wie kann der Glaube Bestand haben, wenn wir das Leben nicht mehr verstehen? „Wenn es einen Gott gibt, warum…?“ sagen wir oft und manche halten dann das, was sie an Weihnachten in der Kirche hören für ein frommes Märchen, das schon unter der Kirchentüre vom Winde verweht wird.
Wenn Gott existiert, wenn er die Liebe schlechthin ist und er sich uns immer wieder in dieser Liebe zuwendet, warum dann so viel Leid? So viel an Bösem – auch oft an Hass in uns selbst? An Gemeinheiten gegeneinander? Warum dann das Zerbrechen von Beziehungen? Die Schrecken der Kriege? Warum dann Krankheit und Tod? Es gibt kein Rezept auf all diese Fragen und auch keine Antwort für unseren Verstand. Was weiß der Frosch vom Meer? Was weiß der Mensch letztlich von Gott und von dem, was an Sinn hinter all dem steht? Die Bibel gibt uns keine Antworten für unseren Verstand. Aber sie er-zählt von Weihnachten. Sie erzählt, dass wenn es im menschlichen Leben am dunkelsten ist, dieser Gott gegenwärtig ist. Er steigt herab, er wird niedrig und gering. Ob wir das je begreifen können – ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die Mitte der Nacht der Anfang eines neuen Tages ist – und genau das meint Weihnachten.
Erinnern Sie sich? Der Glaube ist manchmal wie eine alte Uhr an der Wand, die man geerbt hat. Wir versuchen sie aufzuziehen, zu schauen ob sie noch geht, ob der Glaube noch trägt. Und dann feiern wir Weihnachten; hören diese Geschichte vom Kind, die uns mit großer Freude erfüllen und anstecken, die uns einen inneren Frieden schenken will. Lassen wir sie in uns hinein – bewahren wir sie und tragen wir sie hinaus – als Licht in unseren oft so dunklen Alltag. Amen.

Bertram Bolz, Diakon