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Predigt 10. Sonntag im Jahreskreis – D. Bolz

L II: 2 Kor 4, 13 – 5,1 / Ev: Mk 3, 20-35

Schwestern und Brüder!
Das eben gehörte Evangelium macht überaus nachdenklich. Denn wie kein anderes macht es deutlich, wie wenig Platz für Jesus in dieser Welt und den Geist vorhanden ist, der in ihm wirkt. Oder anders gesagt: Die eigene Familie ist stinksauer auf ihn und sein Verhalten und will ihn deshalb am liebsten dort haben, wo man „Ver-rückte“ der damaligen Zeit am ehesten hinter verschlossenen Türen verwahrt hat – nämlich in der eigenen Familie.
Nachdenklich ist dieses Evangelium für mich auch, weil der Evangelist Markus, der sonst keine Kindheitsgeschichten Jesu erzählt, genau an dieser Stelle erstmals seine Familie erwähnt. hat das einen bestimmten Grund? Auf jeden Fall ist es spannend, die in diesen Zeilen angesprochenen und teilweise selten vorkommend oder eher verdrängten Jesus-Bilder ins Licht zu stellen und sie mal genauer anzuschauen.
Gleich zu Beginn ist da die Rede vom „ver-rückten“ Jesus. Die Angehörigen Jesu sagen: „Er ist von Sinnen; er spinnt.“ Sicher: Uns sind heutzutage seine Worte und Taten so vertraut, dass wir uns kaum noch vorstellen können, wie befremdend sie damals oft auf die Menschen seiner unmittelbaren Umgebung gewirkt haben müssen. Damals war eben nun mal klar: „Wer die Sabbatgebote außer Kraft setzt; wer sich mit dem Satz „ich aber sage euch“ über das jüdische Gesetz stellt; wer Aussätzige berührt und sich mit Zöllnern und Sündern an einen Tisch setzt, der ist im wahrsten Sinne des Wortes ver-rückt; der ist ab-gerückt von gängigen Vorstellungen und auch weg-gerückt von den Maßstäben der Gesellschaft. Dieser Mensch stellt sich quer zu allem, was die Mehrzahl der Menschen für richtig hält. Interessant bei diesem Jesusbild ist: Dass bereits Matthäus und Lukas es nicht mehr wagen, es in ihrem Evangelium zu benutzen. Sie lassen diese Szene einfach unter den Tisch fallen, obwohl sie sonst fast alles von Markus abschreiben und übernehmen.
Der weitere Verlauf des Evangeliums zeigt uns dann das Bild vom „schlagfertigen“ Jesus. Die Schriftgelehrten meinen ja: „Er ist von Beelzebul besessen und mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er andere Dämonen aus.“ Diese Schriftexperten halten Jesus also für einen Teufel und verteufeln ihn, um ihn in eine bestimmte Ecke zu stellen. Doch Jesus kontert nicht auf der Ebene der Verdächtigung oder der Beschimpfung. Nein, er nimmt vielmehr den Vorwurf etwas genauer unter die Lupe und entlarvt ihn als großen Unsinn. Denn wenn der Anführer der Dämonen selbst Dämonen austreiben würde, dann würde er ja auch sein eigenes Grab schaufeln und sich selbst bekämpfen. Die Theologenkommission, die eigens deshalb aus Jerusalem angereist war, ist diesem schlagfertigen Jesus nicht gewachsen. Ebenso wenig die Pharisäser, die eine Ehebrecherin zu ihm bringen und ihm eine Fangfrage stellen, auf die es nur falsche Antworten geben kann. „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ – mit diesem Satz befreit sich Jesus souverän aus dieser mehr als heiklen Situation.
Das dritte Jesus-Bild, das wir hier entdecken können, ist das des „anstößigen“ Jesus. Wie hat mal ein österreichischer Theologe in seinem Wiener Schmäh gesagt: „Wenn man diese Stelle bei einem Marienfest verwenden würde, dann könnte dieses Fest wohl nur „Mariä Abfuhr“ heißen“. Denn hier fragt Jesus überaus provokant: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?“ und er brüskiert damit seine komplette Familie, die ihn sehen will bzw. er macht deutlich: Nicht Blutsverwandtschaft ist entscheidend für die Zugehörigkeit zu ihm, sondern wer seinen Willen tut und sein Wort erfüllt.
Nun passt diese schroffe Reaktion überhaupt nicht zum idyllischen Bild der Heiligen Familie im Stall zu Bethlehem oder zum Bild des sanften Jesus mit dem guten Herzen. Deshalb haben Matthäus und Lukas auch hier eingegriffen und beim Abschreiben dieser Szene in ihren jeweiligen Evangelien das Ganze entschärft. Wer allerdings genau hinschaut, der findet den anstößigen Jesus auch noch an anderen Stellen des Neuen Testamentes – zum Beispiel bei der Hochzeit zu Kana, wo er seine Mutter ja auch mit den Worten vor den Kopf stößt: „Frau, was willst du von mir?“. Oder denken wir an die Auseinandersetzung mit Petrus, der ihn von seinem Weg abbringen will: „Weg mit dir Satan, geh mir aus den Augen!“ Oder denken Sie an so manche Diskussionen in denen er seine Gesprächspartner anfährt mit Ausrücken wie „Heuchler“ oder „Schlangenbrut“.
In der Bibel ist dieser schockierende und harte Jesus im Vergleich zum liebenden, friedlichen, sanften und geduldigen in meinen Augen immer etwas zu kurz gekommen. Aber wir dürfen feststellen: Auch diese Seite gehört zu ihm und sie darf von uns nicht einfach wegretuschiert werden. Denn gerade in seiner Anstößigkeit hat Jesus viele Denkanstöße und viele Impulse zum Umdenken gegeben. Wenn wir sie nun einfach übermalen oder verstecken, dann schreiben wir mit an der Geschichte der vielen Jesus-Fälschungen, die es bis heute gibt. Und nicht nur das: Wir verfälschen dabei auch unser Selbstverständnis als Christen. Denn wir reduzieren dann die Möglichkeiten, unseren Glauben an Jesus Christus auszudrücken und im Alltag konkret werden zu lassen. Denn jedes dieser Jesus-Bilder enthält ja auch einen Impuls, eine Aufforderung an uns, die wir im Sinne Jesu leben wollen.
Wenn etwa das Bild des guten Hirten überbetont wird, dann lautet die Konsequenz für uns – in den Worten eines alten Katechismussatzes: „Sei immer ein folgsames, sanftmütiges und friedfertiges Schäflein in der Herde Christi und entferne dich nicht vom guten Hirten!“ Werden nun aber die Aspekte berücksichtigt, die wir gerade miteinander bedacht haben, dann muss unser Christsein heute auch etwas zum Ausdruck bringen von der Verrücktheit, der Schlagfertigkeit und der Anstößigkeit Jesu. Dann dürften wir durchaus mehr verrückte Christen sein, die den Mut zu einem eigenständigen Lebensentwurf aufbringen und sich dabei nicht vom Urteil anderer abhängig machen; die abrücken von einem mehr und mehr um sich greifenden Egoismus und die für Überraschungen im Christsein gut sind und nicht die Eintönigkeit lieben.
Wir könnten auch mehr schlagfertige Christen vertragen, die nicht bei jeder Kritik den Kopf einziehen, sondern die sich auch mal in Diskussionen trauen und Spöttern mit ihrer persönlichen Überzeugung entgegentreten; die sich der Auseinandersetzung stellen und so manch oberflächliche Kritik an Glaube und Kirche einfach auch als solche entlarven. Und wir hätten nicht zuletzt mehr anstößige Christen, die andere – auch in den eigenen Reihen – zum Nachdenken bringen und die nicht nur den Weg des geringsten Widerstandes gehen; Menschen, die bereit sind, auch mal anzuecken und andere – auch Amtsträger – vor den Kopf zu stoßen, damit sich das Brett lockert und abfällt, welches sich hier vor so manchem Kopf befindet und eine Entwicklung der Kirche oft verhindert.
Es stimmt schon – es sind drei ungewöhnliche Jesus-Bilder – gar keine Frage. Aber wenn wir sie ernst nehmen, dann bewahren sie uns vor einem langweiligen, unmündigen und phantasielosen Christsein. Amen.

Bertram Bolz, Diakon