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Predigt 4. Sonntag der Osterzeit – D. Bolz

L I: Apg 4, 8-2 / Ev: Joh 10, 11-18

Schwestern und Brüder!
Das Johannes-Evangelium hat mich schon immer fasziniert, weil es sich doch relativ stark von den drei anderen, den synoptischen Evangelien unterscheidet. Außerdem trägt es bereits eine deutlich theologische Handschrift seines Verfassers, der gleichgesetzt wird mit dem Lieblingsjünger Jesu. Nur: Mit dem heutigen Abschnitt des Evangeliums habe ich mich schon immer etwas schwer getan, weil mir dieses Bild vom Hirten und den Schafen viel zu sehr auf das kirchliche Amt hin fixiert worden ist. Auf der einen Seite ist da nämlich der Hirte, der alles weiß, der Führungsstärke zeigt und dem man ohne Wenn und Aber folgen soll. Und auf der anderen Seite sind da die Schafe, die stummen – oder soll man sagen: dummen – die folgsam und gehorsam vor sich hin leben, keine Fragen stellen und nur den Anordnungen des Hirten folgen sollen.
Wohlgemerkt, es bereitet mir überhaupt keine Probleme, mich als Schaf in der großen Herde des einen guten Hirten Jesu Christi zu verstehen. Ihm nachgehen, von ihm geführt, behütet und beschützt werden; daran glauben, dass er mich kennt und sein Leben für mich einsetzt – das macht mir keinerlei Schwierigkeiten. Was mir aber durchaus Probleme bereitet ist die Vorstellung, dass damit auch ein blindes Nachlaufen, ein lammfrommes Verhalten oder gar der Verzicht auf eine eigene Meinung gemeint sein könnte. In der Herde Jesu Christi müssen nämlich – um im Bild zu bleiben – die „Schafsköpfe“ nicht auf das Denken verzichten. Und so meine ich: wie die hauptamtlichen Zwischen- und Oberhirten Briefe schreiben, müsste es doch auch der Herde möglich sein, ihre Überzeugungen mal zum Besten zu geben und ab und zu einen Herdenbrief zu verfassen.
Das möchte ich heute mal versuchen und Ihnen so ein paar Gedanken zum biblischen Bild vom Guten Hirten und seiner Herde aus der Schafsperspektive zum Nachdenken mit auf den Weg geben. Dabei muss man nun kein schwarzes Schaf sein, wenn man das biblische Hirtenbild mit der Realität der heutigen Kirche vergleicht und dann feststellt: Hoppla, da passt so manches nicht mehr recht zusammen. Ist nämlich in der Bibel vom einen Hirten die Rede, stelle ich fest, dass es in der Kirche von heute eine Fülle von Hirten und Oberhirten gibt. Läuft in der Bibel eines von 100 Schafen davon und die anderen bleiben, so hat es heute eher den Anschein, als ob 99 davonliefen und nur eines zurückbleibt. Geht der Hirte in der Bibel dem einen verlorenen Schaf nach, sieht es bei uns heute so aus, als ob man sich mit Macht auf das einzig Zurückgebliebene stürzt und umsorgt, aber eben relativ wenig danach fragt, was die anderen zum Auszug bewogen hat. Wobei das doch interessant wäre. Sind die anderen weggezogen, weil sie nicht mehr die Nahrung fanden, die sie gebraucht hätten? Sind sie gegangen, weil Ihnen die Gatter und Zäune viel zu eng gezogen waren oder sie mit viel zu vielen Einschränkungen und Verboten konfrontiert wurden? Sind sie gegangen, weil sie nicht nur geschoren und geschoben werden wollten?
In der Bibel, so wird erzählt, kennt der Hirt die Seinen und die Seinen kennen ihn. Wie schön kann ich da nur sagen! Wir – damit meine ich das Pastoralteam unserer Seelsorgeeinheit – schaffen das derzeit nicht. Vielmehr überkommt mich immer mehr die Erkenntnis, dass sich Hirten und Herde immer weiter auseinander leben. Wen kenne ich denn aus der Herde wirklich? Und wie soll denn bitteschön ein Hirte, dem man nicht nur eine Herde, sondern vielleicht sogar 5 oder noch mehr anvertraut, all die Schafe kennen, die da zu ihm gehören? Diese Aufgabe ist nicht nur zu groß für einen Einzelnen, sie ist schlussendlich auch unmenschlich. Denn all die Einzelnen, ihre Fragen und Hoffnungen, ihre Sorgen und Nöte, ihre kleinen und großen Anliegen – die kann ein Hirte noch so gerne hören wollen; aber er kann es nachher nicht mehr umsetzen und das, was da an ihn herangetragen worden ist auch nicht mehr zum Guten führen. Selbst ein noch so ehrliches Interesse des Hirten läuft hier doch sprichwörtlich ins Leere. Und wenn ich dann noch sehe, dass ein Hirte über den eigenen Schafstall hinaus schaut und versucht, die getrennten Herden zusammenzuführen, dann stelle ich fest, dass so mancher Oberhirte damit gar nicht einverstanden ist bzw. sich die Oberhirten gegenseitig das Leben schwer machen und sich miteinander anlegen.
Jetzt soll mein Herdenbrief sich aber nicht damit begnügen, die momentane Situation der Kirche zu analysieren oder sich über die Verschiebungen im Bild vom Hirten und seiner Herde zu beklagen. Nein, ich bin der Auffassung, dass sich hinter diesen Verschiebungen auch immense Chancen verbergen, die wir nur nutzen müssen. Dazu gehört für mich in erster Linie die Erkenntnis, dass es uns im Bild von Hirte und Herde nie um Macht gehen darf, sondern um Lebensermöglichung. Kirchliche Seelsorge muss in erster Linie geistliches Leben ermöglichen und dieses pflegen. So feiern wir heute zum 55. Mal den Gebetstag um geistliche Berufe. Ist damit aber schon alles getan? Beten und dann die Hände in den Schoß legen und warten, dass was passiert? Nein, ich wünsche mir eben neben dem Gebet auch mutige und freimütige Oberhirten, die die Zeichen der Zeit erkennen und die pastorale Not der Herden, sprich: Gemeinden nicht einfach mit ein paar Appellen und mit vermehrten Zusammenlegungen vom Tisch fegen. Wie können wir denn zum einen behaupten, die Gemeinde findet ihr Zentrum in der sonntäglichen Eucharistiefeier, und dann nichts aber auch gar nichts dafür tun, dass diese Feier auch tatsächlich möglich ist? Die Aufforderung zum Gebet ist gut und wichtig – die Schaffung von anderen Rahmenbedingungen für das Priesteramt aber unerlässlich.
Zum Zweiten halte ich in meinem Herdenbrief fest: das Wichtigste im Bild von Hirt und Herde ist die Gottes- und Christusbeziehung. Und da ist jede und jeder von uns selber gefragt: Wie lebendig ist diese meine Beziehung? Wie drückt sie sich bei mir aus? Haben Stille und Gebet genügend Raum in meinem Leben?
Drittens entnehme ich dem heutigen Evangelium für meinen Herdenbrief: Die ökumenische Einheit ist so wichtig, dass wir in ihr auch eine spirituelle Weite erfahren können. Sprich: Das Bild von der einen Herde und dem einen Hirten darf nicht als Uniformität, als Gleichschaltung missverstanden werden. Die anderen Schafe, salopp gesagt „die vom anderen Hof“, die bleiben was sie sind. Aber im Hören auf dieselbe Stimme Jesu und im gemeinsamen weiden und Mahl halten ist die Verschiedenheit eben nicht mehr trennend. Die Einheit unter dem wahren Hirten Jesus Christus, die geschieht im Hören seiner lebendigen Stimme – und das geht doch letztlich weit über eng gedachte Konfessionen hinaus.
Und ein letzter, vielleicht ganz neuer Gedanke in diesem Herdenbrief: Der Hirtendienst ist kein Monopol von wenigen Amtsträgern. In der Herde, die Jesus nachfolgt, müsste vielmehr der Gedanke die Runde machen, dass wir alle füreinander Hirtinnen und Hirten im Sinne des Vorbildes Jesu sein können. Füreinander meint: Sich in andere einfühlen und an ihrem Leben Anteil nehmen. Jeder Mensch ist als Mitmensch geboren und kann anderen bei-stehen und sie begleiten, wenn es notwendig ist. Füreinander Hirten sein – das ist das Leitbild einer geschwisterlichen Kirche, in der die Mitglieder nicht vorwurfsvoll fragen: „Bin ich denn der Hüter meiner Schwester/meines Bruders?“, sondern sich einfach für den anderen verantwortlich fühlen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und mir einen Platz in der Herde des einen Guten Hirten Jesus Christus; und ich wünsche uns – in diesem Sinne – zusätzlich eine immense Schafsgeduld auf dem Weg zu einer geschwisterlichen Gemeinde und Seelsorgeeinheit. Amen.

Bertram Bolz, Diakon