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Predigt Fronleichnam – D. Bolz

Lesung I: Ex 24, 3-8 / Evangelium: Mk 14, 12-16.22-26

Schwestern und Brüder!
Oft hab ich den Eindruck, als bewege die Menschen heute gar nicht so sehr die Frage: Darf ich zur Kommunion gehen oder nicht? Sondern vielmehr: “Wie können denn Brot und Wein in dieser Feier auf einmal zu Leib und Blut Jesu Christi werden? Ich würde das ja gerne glauben, aber ich kann es nicht, weil ich es nicht verstehe.” Und wenn ich an so manches Gespräch denke, dann habe ich den Eindruck, dass selbst gestandenen Gottesdienstmitfeiernde hier vielfach an ihre Grenzen stoßen, auch wenn sie das nie direkt sagen oder zugeben würden. Doch wie kann man es denn verstehen, dass Brot und Wein gewandelt werden? Für uns Auge sichtbar ist ja weiterhin nur Brot und Wein. Also wie kann man es verstehen? Und wir müssen es verstehen, denn gleichzeitig gilt ja: Wenn wir es nicht tun, dann macht nicht nur die Feier des heutigen Festtages keinen Sinn, nein – dann müssten wir ja jede Eucharistiefeier in Frage stellen.
Deshalb möchte ich ihnen heute von einem Vergleich erzählen, denn der große Befreiungstheologe Leonardo Boff einmal niedergeschrieben hat und von dem ich glaube, dass er uns hier eine große Stütze sein kann. Es handelt sich bei diesem Vergleich um das von ihm so genannte „Sakrament des Zigarettenstummels“. Ja, sie haben richtig gehört. Aber durch dieses Beispiel kann einem manches klarer und bewusster werden. Boff schreibt:
“Es war der 11. August 1965. Ich erinnere mich genau. Ich saß in meiner kleinen Wohnung in München als mir der Briefträger um 14 Uhr den ersten Brief aus meiner Heimat Brasilien brachte. Nach der langen Reise wartete ich sehnsüchtig auf ein Zeichen aus der Heimat. Ungeduldig öffnete ich den Brief. Alle zu Hause hatten daran mitgeschrieben und so sah er fast schon wie eine Zeitung aus. “Wenn du diese Zeilen liest, musst du wohl schon in München sein. Dieses Schreiben ist zugleich wie jeder andere Brief, und dennoch unterscheidet er sich von allen anderen Briefen. Er bringt dir eine gute Botschaft, eine Nachricht, die – wenn wir sie im Licht des Glaubens betrachten – wirklich großartig ist. Gott suchte unsere Familie heim und hat Vater zu sich genommen.” Der Brief fuhr fort mit Worten aller Geschwister und unsere Tränen ließen uns alle einander nahe sein. Am folgenden Tag entdeckte ich in dem Briefumschlag, ein Tags zuvor entgangenes Lebenszeichen jenes Mannes, der mein Vater war: den vergilbten Stummel einer seiner Strohzigaretten. Es war dies die letzte Zigarette, die Vater nur wenige Augenblick zuvor geraucht hatte, als ihn ein Herzinfarkt aus diesem Dasein abberief. Die zutiefst weibliche Intuition einer meiner Schwestern hatte sie veranlasst, diesen Zigarettenstummel in den Brief zu stecken. Von diesem Augenblick an aber ist der Zigarettenstummel kein einfacher Zigarettenstummel mehr. Er wurde für mich zu einem Sakrament, zu einem Zeichen das lebt, das vom Leben meines Vaters spricht und mein Leben begleitet. Seine charakteristische Farbe, sein Duft und das Verbrannte an der Spitze, alle diese Attribute lassen meinen Vater in meinem Leben immer noch gegenwärtig sein.”
Soweit, die verkürzte Fassung der Aufzeichnungen von Leonardo Boff. Ich denke, das was er hier erzählt, das kennen wir alle in ähnlicher Weise doch auch. Es gibt für uns Zeichen, die eine größere Wirklichkeit beinhalten als die, die wir mit unseren Augen sehen. Und genau dieser Wirklichkeit und Tatsache bedient sich auch Gott. In Jesus Christus ist er einer von uns ge-worden, damit wir in dem Menschen Jesus von Nazareth das wahrnehmen können, was unseren Augen und Sinnen sonst verborgen geblieben wäre: nämlich die Liebe Gottes, seine Nähe und Gemeinschaft, die er mit uns haben will.
Genauso aber verhält es sich auch mit der Eucharistie. Wenn Brot und Wein zum Altar gebracht werden und beim Hochgebet gesprochen wird, wie Jesus für seine Überzeugung in den Tod ging und wie Gott ihn auferweckt hat; wenn wir vor der Kommunion das Brot brechen, es austeilen und empfangen, dann erinnern wir uns eben nicht nur an etwas, was damals vor 2000 Jahren geschehen ist – nein, dann wird dieses damalige Geschehen wieder lebendig und gegenwärtig. Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene wird selbst in unserer Mitte lebendig, mit seiner Liebe, Zuneigung und Versöhnung, die er uns Menschen schenkt. Rein äußerlich sehen wir, ähnlich dem Zigarettenstummel, nur Brot und Wein – für alle aber, die tiefer blicken; die sich in ihrem Herzen ansprechen lassen, für all die aber ist Christus selbst anwesend und in diesen Zeichen gegenwärtig. Es muss uns nur klar sein: Was damals geschehen ist, das ist kein einmaliges Geschehen, begrenzt auf die damalige Zeit und deshalb heute längst vergangen. Nein, die Hingabe und Liebe, die Zuwendung und Zuneigung, die Christus im Namen Gottes uns Menschen schenkt, die dauern an – das gilt auch für das Heute. Das gilt für Sie und für mich. Christi Liebe lässt uns leben – das feiern wir in der Eucharistie und diese Liebe empfangen wir im eucharistischen Brot.
Wenn wir nun am heutigen Festtag auf die Strasse gehen und dabei den Leib Christi in der Monstranz mittragen, dann zeigen und bekennen wir damit nichts anderes, als dass in diesem kleinen Stück Brot die Liebe Gottes zu uns Menschen gegenwärtig ist. Eine Liebe, die sich im wahrsten Sinne des Wortes verzehren lässt, damit wir leben können.
Wenn dies aber unser Glaube und unser Bekenntnis ist, dann müssen wir uns natürlich auch fragen lassen: Stimmt denn unser Leben damit überein? Legen wir in den Strassen, in denen wir mit der Monstranz die Liebe Gottes zeigen wollen, auch im Alltag ein Bekenntnis unserer Liebe ab? Ist unser täglicher Umgang mit den Menschen dort ebenso ein Zeugnis der Liebe, der Aufmerksamkeit füreinander? Ist bei uns wirklich die Bereitschaft zu spüren, sich für die einzusetzen, die Zeit, Verständnis, ein offenes Ohr oder ein gutes Wort brauchen? Wenn nicht – was nützt dann die Prozession? Was bewirkt dann der Empfang des eucharistischen Brotes?
Fronleichnam und all die damit verbundenen Traditionen sind nicht nur ein Fest oder lockeres volkstümliches Brauchtum – nein Fronleichnam beinhaltet immer auch eine Bitte. Die Bitte, dass Gott uns mit seiner Liebe so erfüllen möge, dass nicht nur Brot und der Wein, sondern wir alle verwandelt werden. Nur so können wird werden, was wir empfangen: Leib Christi. Eine Gemeinschaft, in der im Verhalten zueinander, im Zusammenleben wie im Miteinander umgehen, im Aufeinander zugehen und des Einander-Achtens, wenigstens etwas von der Liebe Gottes lebendig wird, mit der Gott uns Menschen liebt. In diesem Sinne, lasst uns ihn im Brot empfangen und lasst uns ihn im Brot bekennen – mit gläubigen Herzen und helfenden Händen. Amen.

Bertram Bolz, Diakon