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Predigt Pfingsten – D. Bolz

Predigt zum Hochfest von Pfingsten 2018
L I: Apg 2, 1-11 / Ev: Joh 15, 26f; 16, 12-15

Schwestern und Brüder!
Vor kurzem ist mir rein zufällig wieder der Satz begegnet: „Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal erlebt?“ Dieser Satz stammt aus der Werbung und ruft uns in Erinnerung, was bei jeder und jedem von uns einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat – das erste Mal! Ganz egal, ob nun der erste Schultag, das erste Verliebtsein, das erste Lächeln des Kindes, der erste größere Urlaub…usw. Das erste Mal hinterlässt in aller Regel bleibende Eindrücke. So kann ich mich auch noch gut an meine erste Predigt erinnern: Im Dominikanerkloster in Freiburg angesichts eines Predigtseminars – das Thema war der Prophet Amos und seine Sozialkritik. Aber wenn sie mich jetzt fragen, was ich vor 3 Jahren an Pfingsten gepredigt habe, dann muss ich passen und zuerst zu Hause im PC nachschauen.
Das erste Mal hinterlässt also Eindruck, weil es etwas Besonderes ist und weil es etwas Pionierhaftes an sich hat. Es ist ungewohnt, vielleicht auch überraschend – vor allem ist es unverbraucht. „Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal erlebt?“ Diese Frage spielt ja auch mit unserer Sehnsucht – der Sehnsucht nach einem intensiven Erlebnis; spielt mit dem Wunsch auszubrechen aus dem Alltagstrott und der Macht der Gewohnheit.
Nun feiern wir heute Pfingsten. Doch wir feiern es nicht zum ersten Mal – und genau das ist wahrscheinlich unser Problem. Sicherlich: wir hören und lesen zwar auch heute noch, was sich damals in Jerusalem ereignet hat. Aber das ist lange her. Dieser Text hat den Charakter des Neuen und Überraschenden längst verloren. Deshalb feiern viele Pfingsten eher aus Gewohnheit und bringen die Ferien, die damit verbunden sind, lange nicht so sehr mit einem kirchlichen Fest in Beziehung wie z.B. Weihnachten oder Ostern. Wo spüren wir denn heute etwas von diesen verheißenen Flammenzungen, von diesem gewaltigen Sturm und dem mächtigen Rauschen, das alle in Aufregung und in Bewegung setzt? Manchmal wäre ich schon froh, es wäre ein Windhauch wahrzunehmen oder ein winzig kleiner Funke zu spüren…. Nichts, aber auch gar nichts erinnert uns heute an die vielen tollen Bilder, die das Pfingstgeschehen an vielen Decken in unseren altehrwürdigen Kirchen so wunderschön illustrieren….
Doch wir waren beim ersten Mal. Und mich hat dieses Jahr wirklich ein Pfingstbild der besonderen Art so berührt, dass mir manches an diesem Fest neu aufgegangen ist – ähnlich wie beim ersten Mal. Wobei – es ist kein Bild im eigentlichen Sinne, sondern eher eine kleine amüsante Karikatur. Der Zeichner hat dabei mit einigen wenigen Strichen ein ganzes Kirchengebäude samt Turm skizziert. Dabei steckt längs im ganzen Kirchenschiff ein überdimensional großer Flaschenputzer – von dem auf der einen Seite noch der Drahtstil mit der Öse herausragt und auf der anderen Seite bereits die riesige Bürste zum Vorschein kommt. Darunter steht der vielsagende Satz: „Gegen Kalk und festsitzende Reste: An Pfingsten macht der Heilige Geist seinen Hausputz“. Dieses Bild hat mich zum Weiterdenken angeregt und mir ist dabei eine durchaus ernstzunehmende Aufgabenliste für den „göttlichen Reinigungsdienst“ eingefallen:
Das erste wäre: Einfach mal kräftig zu lüften! Ich werde das Gefühl nicht los, dass es bei uns in der Kirche noch in vielen Ritzen ganz gewaltig nach Unfreiheit und Bevormundung muffelt, nach Intrigen und Machtgerangel. Die Auseinandersetzung der Bischöfe um den Kommunionempfang für konfessionsverbindende Paare ist dafür ein sichtbares Beispiel. Aber auch der Umgang mit dem Geld, der Luxus, der häufig eine Rolle in so mancher kirchlichen Einrichtung spielt, zeugt von einem Mief, den wir noch lange nicht ab-gelegt haben. Ganz zu schweigen vom Prinzip des Vertuschens und Verschweigens bzw. des unter den Teppich kehren so mancher Sünden kirchlicher Würdenträger, die die Luft in der Kirche ganz gewaltig verpestet haben. Wenn die Gesamtzahl der Bischöfe eines Landes dem Papst den Rücktritt anbietet – wie jetzt die 34 Bischöfe aus Chile – weil da vertuscht und gelogen, verleumdet und verschleiert wurde, dann handelt es sich hier nicht nur um verbrauchte Luft, sondern dann stinkt das gewaltig zum Himmel. Diese schwere Sünde des unfassbaren Missbrauchs kirchlicher Amtsträger ist so eklatant, dass nicht länger so getan werden kann und getan werden darf, als handle es sich hier um Kavaliersdelikte. Es sind Verbrechen und als solche müssen sie auch strafrechtlich behandelt werden.
Wenn Johannes XXIII. vor nicht ganz 60 Jahren gesagt hat: „Macht die Fenster der Kirche weit auf!“, dann hat er nicht auf diese Verfehlungen angespielt, weil sie damals gar nicht bekannt und bewusst waren. Aber diesen frischen Wind, den er meinte, den brauchen wir heute genauso dringen wie damals: wir sollten und wir müssen ein neues Klima der Offenheit praktizieren, in dem man frei atmen, reden und gemeinsam nach Möglichkeiten suchen kann, unser Christsein heute überzeugend zu gestalten. Also – lüften wir kräftig – auch in unseren Gemeinden!
Dann sollten wir als nächstes: intensiv abstauben! Im Laufe der Jahrhunderte hat sich viel Staub auf die kirchliche Sprache gelegt, und damit verbunden auf unsere Gottesdienste und unser Gemeindeleben. Eine „geistliche Säuberungsaktion“ dergestalt, dass wir uns überlegen: was könnte die großen Worte unseres Glaubens – nämlich Freude, Freiheit, Friede – wieder neu zum Leuchten bringen, das könnte uns gut tun. Jede und jeder ist dazu aufgefordert und eingeladen diesbezüglich Ideen einzubringen, damit deutlich wird, dass diese Begriffe nicht nur hehre Worte sind, sondern dass sie durch unser Handeln auch lebendig und für andere spürbar werden. Dann bin ich überzeugt, könnten unsere gottesdienstlichen Feiern wieder mehr Strahlkraft besitzen und auch eine größere Lebendigkeit vermitteln – und: in unseren Gemeinden wäre wieder weit mehr eine Gemeinschaft spürbar, die diesen Namen auch verdient.
Dann steht auf meiner Liste: Fenster putzen! Stumpfe Scheiben verhindern den Durchblick. Also sollten wir die Scheiben so reinigen, dass wir einerseits rausschauen und die Veränderungen in der Welt wahrnehmen können und dass zum anderen das Licht des Evangeliums zu uns hereinscheinen und unser Leben erhellen kann. Ein pfingstlicher Fensterputz kann für gute und klare Sichtverhältnisse sorgen.
Und schließlich dann – das Entrümpeln! In unserer Kirche hat sich über die Jahrhunderte hinweg viel Wertvolles, aber auch manches Überflüssige angesammelt. Schauen wir immer wieder neu, was um des Evangeliums willen bewahrt und aufbewahrt werden muss, und was andererseits getrost entsorgt werden kann. Eine vom Geist Jesu geleitete Putz-Aktion, könnte hier für mehr Platz, bessere Ordnung und ein sichtbares Zeichen von Wohlfühl-Atmosphäre und Willkommenskultur stehen.
„An Pfingsten macht der Heilige Geist Hausputz.“ Wenn ich mir – angeregt durch diese humorvolle Karikatur – dieses Groß-Reinemachen für unsere Kirche wünsche, dann muss ich mir darüber im Klaren sein, dass das Lüften, Abstauben, Fensterputzen und Entrümpeln in meinem eigenen Lebenshaus beginnt. Vielleicht muss ich mich dann von manchem trennen, was bisher in meinem Glaubensleben seinen festen Platz hatte – vielleicht kommt so aber auch ein ganz neuer Glanz in mein persönliches Christsein. Und wer weiß: Vielleicht melde ich, melden Sie sich ja sogar freiwillig für die Putzkolonne des Heiligen Geistes und finden einen entsprechenden Part bei seiner „Kirchensäuberung“.
So wünsche ich Ihnen ein vom Putzen geprägtes Pfingstfest. Und wenn Ihnen beim Kehrvers des Liedes: „Komm Schöpfer Geist, kehr bei uns ein“ in diesem Jahr eher der Gedanke kommt: „Komm Schöpfer Geist, kehr bei uns aus!“ – ja dann, dann ist das vielleicht so ein Aha-Erlebnis wie beim ersten Mal. Amen.

Bertram Bolz, Diakon